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Michael Porter beim Liederabend in der Oper Frankfurt.  

Oper Frankfurt

Hängt die Sterne ab

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Aufgeknöpft und trotzdem trennscharf: Michael Porters Liederabend.

Einen Liederabend mit integriertem Striptease – einen Hauch von erotischer Textilminimalisierung in Analogie zum vokalen Ablauf bescherte der Auftritt von Michael Porter in der Oper, wo ein Liederreigen von Ludwig van Beethoven bis Aaron Copland, Kurt Weill und Charles Ives geboten wurde. Publikumszugewandt, affektiv sich einbringend ist das Ensemblemitglied der Frankfurter Oper, das mit einer obertonreichen, schön geformten, homogenen Stimme besticht, die nicht schwer aber zu dramatischem Involviertsein disponiert ist. Dabei kommt ab und an ein durchgestaltetes, gestisches Repertoire zum Zuge, dem aber expressive Verrenkung und Grimassierung fehlt.

In einem blaugrau getönten Dreiteiler bestritt der 30-Jährige aus Indiana den ersten Teil des Abends, wo die „Adelaide op 46“ Ludwig van Beethovens den Auftakt bildete, bevor Lieder von Johannes Brahms und Benjamin Brittens „Seven sonnets of Michelangelo op. 22“ folgten. Der Britten-Zyklus wurde sowohl vom Vokalisten als auch von dem Pianisten Axel Bauni mit mehr Schärfe und stärkerer Ausfaltung des klangrhetorischen Verlaufs der eigensinnigen Liebeslyrik des Renaissancemalers dargestellt als es der Komponist gemeinsam mit Peter Pears einst tat.

Die Britten/Pears-Aufnahme wirkt dagegen hymnisch-getragener, ja fast nazarenisch. Porter und Bauni legten hier, wie eigentlich bei allen Werken des Abends, Wert auf Distinktion, auf Profil in der Trennschärfe, wobei die herbere Klanggestalt mit der geschmeidigen Stimme Porters eine treffliche Synthese einging.

Ohne Jackett ging es nach der Pause weiter, wo lakonischere, kühlere und auch dunklere Töne angeschlagen wurden in Liedern Aaron Coplands und Samuel Barbers. Zum Vortrag von Charles Ives’ „Memories“ („A. Very pleasant, B. Rather sad“) waren die Hemdsärmel hochgekrempelt für die wunderbar spöttische und doppelsinnige Vokal-Rabulistik des großen US-amerikanischen Solitärs der Musikgeschichte. Zuletzt geriet man mit „Litany“ des 65-jährigen John Musto und Kurt Weills „Lonely House“ in eine Atmosphäre vokaler Vereinsamung als Zurücknahme aller vokaler Liedromantik: „Hängt die Sterne ab und bringt sie runter.“

So wollte man aber dann doch nicht enden und mit Beethovens „Der Kuß“ als Zugabe kam alte Draufgängerei zur Geltung. Mit heraushängendem, aufgeknöpftem Hemd als Stürmer und Dränger. Mit der kürzlich erfolgten Geburt des Sohnes von Michael Porter und der diesem Ereignis gewidmeten End-Zugabe „The Little Horses“ von Aaron Copland wurde dem Publikum Hoffnung und Zufriedenheit mit auf den Weg gegeben.

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