+
Rakete, Wondratschek und Wallbaum (v.l.n.r.).

Interzone

Ich hänge in der Luft und du kannst fliegen

  • schließen

Nach 40 Jahren: Zwölf Lieder der Berliner Band Interzone mit Texten Wolf Wondratscheks.

Wolf Wondratschek war ein Popautor, lange bevor sich diese Bezeichnung als Gattungsbegriff etabliert hatte. Bei Hanser war 1969 der Band „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ erschienen, ein Kultbuch in einer Zeit, in der viele Künstler noch davon ausgingen, einer Gegenkultur anzugehören. Wondratschek schrieb kurze Texte und Gedichte, nicht gerade das, was sich Verleger von ihm wünschten. Und so kam es, dass er 1974 einen Gedichtband im Selbstverlag in einer Auflage von 800 Exemplaren herausbrachte: „Chucks Zimmer“, bald waren die meisten Handexemplare verschenkt. Lutz Reinecke, der Macher des Versands Zweitausendeins nahm „Chucks Zimmer“ in sein legendäres Merkheft auf. Danach verkaufte sich das Bändchen in wenigen Wochen über 300 000 Mal. Lyrik aus der Hüfte, ein unverhofftes literarisches Ereignis.

Einer der Leser von „Chucks Zimmer“ war der Berliner Musiker Heiner Pudelko, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Wondratscheks Gedichte auch zu singen. Seine Band, die das ungläubig bis skeptisch mitmachen musste, hieß Interzone und füllte Ende der Siebziger kleine Berliner Klubs. Man spielte den Blues der frühen Jahre. Pudelko triezte seine Bandmitglieder, und irgendwann entstanden eine ganze Reihe von Demobändern, derer sich der Fotograf und Manager Jim Rakete angenommen hatte. West-Berlin war in Bewegung, warum sollte man es da nicht mit vertonter Lyrik probieren.

Der Fotograf Jim Rakete ist noch immer ein Aficionado. Ihm ist es zu verdanken, dass die Interzone-Aufnahmen nach 40 Jahren wiederentdeckt und digital remastered wurden. Und so kehrte Interzone aus der Vergangenheit zurück, obwohl Heiner Pudelko, der charismatische Sänger mit der schrillen Stimme bereits 1995 im Alter von nur 46 Jahren einem Krebsleiden erlag. Na klar, ein sentimentalisches Projekt.

Den großen Durchbruch hat Interzone nie geschafft. Die Band war eine lokale Größe, die zwar deutsche Texte sang, aber von der Neuen Deutschen Welle weggespült wurde, als genau das das Gebot der Stunde war. Von der Attitüde her waren Interzone Punk, aber der Bluesrock, den sie spielten, klang zu traditionell, um in der gerade aufkommenden Popbewegung Gehör zu finden. Zu früh? Zu spät? Wer will das schon so genau sagen.

Wolf Wondratschek sicher nicht. Der verlangte, als er Anfang der 80er Jahre von dem Album-Projekt hörte, gegenüber Jim Rakete ein Honorar von 250 000 Dollar, das jenseits von Gut und Böse war. Gedichte, findet Wondratschek noch immer, brauchen Papier und keine Musik. Damit war das Schicksal der Demotapes mit der Musik zu „Chucks Zimmer“ besiegelt – bis jetzt.

In einer Vinyl-Edition von 500 Exemplaren (erhältlich im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann) ist nun wieder zu hören, was Interzone da in einem Kellerstudio in der Köpenicker Straße fabriziert haben. Wondratschek und Rakete sind längst Freunde, das Album wurde jetzt live auf RadioEins im RBB vorgestellt. Hans Wallbaum, Ralf Trotter Schmidt und Mario Bibi Schulz waren da, die drei Überlebenden von Interzone. Neben Pudelko sind auch Leo Lehr und Kurt Herkenberg früh gestorben. Das geheimnisvolle Comeback von Interzone ist ein Stück Westberliner Poparchäologie, ein schöner Konjunktiv. Was wäre wenn?

Jim Rakete, der Interzone einst vor der Berliner Mauer fotografiert und damit beinahe eine kleine Staatsaffäre ausgelöst hat, legt, als die Mikrofone abgeschaltet sind, Wert auf die Feststellung, dass der Name Interzone nichts mit Ost und West zu tun hat. William S. Burroughs, „Naked Lunch“, Sie wissen schon. Aber er ist nicht sicher, ob der junge Mensch, als den er mich charmanter Weise betrachtet, überhaupt weiß, wer Burroughs ist.

Wondratschek, der inzwischen bereit ist, die Vertonung seiner Texte zu ertragen, zieht es vor, über Muhammad Ali zu reden. Als ich ihm sage, dass ich ein Ali-Gedicht vor bald 40 Jahren in einem seiner Gedichtbände gefunden und auswendig gelernt habe, rezitiert er es begeistert gleich noch einmal: „Wenn ich dir sage, Mann, dass eine Fliege den Pflug ziehen kann, dann frage nicht wie, sondern spann sie an.“ Das war wohl auch der Geist, aus dem heraus Heiner Pudelko und Interzone agiert haben. Mit der Musik sind auch die Texte ein wenig gealtert. Junge Außenseiter-Lyrik, die das West-Berliner Lebensgefühl ausdrückte mit Sätzen wie „Was soll ein Typ wie du schon machen außer weitermachen“.

Von Wolf Wondratschek sind gerade Essays und Texte aus jener Zeit erschienen: „Erde und Papier“, Ullstein Verlag, Berlin. 330 S., 24 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion