+
So wirbt ein Tyrann, wenn er seine poetischen Minuten hat: Tamerlano und seine unfreiwillige Braut Asteria, Lawrence Zazzo und Elizabeth Reiter.

Oper Frankfurt

Händel in Frankfurt: Tamerlanos Show

  • schließen

Ein minimalistischer, ausgefeilter Händel mit der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot.

Dass der Mongolenfürst Tamerlan (Timur Lenk) seinen osmanischen Gegner Bayazet (Bayezid), beide vornehmlich mit Militäroffensiven befasst, Anfang des 15. Jahrhunderts nicht nur besiegte, sondern auch in einen wie auch immer gearteten Käfig gesperrt haben soll, beflügelte seither die schönen und neugierigen Künste. In der Frankfurter Inszenierung von Georg Friedrich Händels Musikdrama „Tamerlano“ findet das einen originellen Widerhall. Es ist nun das Orchester, das in einen großen Gitterkasten geführt wird, der Tyrann hat die Schlüssel und gibt das Einsatzzeichen. Auch beim langwierigen Stimmen der historischen Instrumente zeigt er sich engagiert.

Ein Späßchen, aber nicht nur. Im Bockenheimer Depot steht jetzt sozusagen eine riesige Musikbox, an die sich die Singenden schmiegen, wie unsereiner melancholisch am Lautsprecher hängt. Das Publikum aber wird durch die große Personenzahl hinter Gittern stets daran erinnert, wie komplex und personalintensiv das Zustandekommen dieses süßen und in diesem Fall flirrend lebendigen, energiegeladenen Gesamtklangs ist, erstens. Zweitens wird ihm eine ungute Verfügbarkeit vorgeführt. Es ist ein Unterschied, ob Menschen in einem Käfig sitzen oder nicht, es ist ein Unterschied, ob Orchestermitglieder aufspringen und zu allen Seiten weglaufen könnten. Selbst wenn sie das aus Gründen der Disziplin nie täten, und selbst wenn es ohnehin nur ein Spiel ist. Und selbst wenn sie im Orchestergraben auch sonst festsitzen. Wie auch das Publikum zwar zappeln, aber den Saal auch in herkömmlichen Vorstellungen nicht so ohne weiteres verlassen kann.

Eine typische Opernsituation und doch ins Ungewohnte verschoben. Die Beleuchtung (Marcel Heyde) bietet Abwechslung von unfreundlichem Neonlicht bis zu Schattenspielen, die die einen zu Riesen und die anderen zu Zwergen machen. Ganz dunkel jedoch wird es im Zuschauerraum nie, beziehungsweise erst in den erstaunlichen Schlusssekunden, die den unwahrscheinlich glücklichen Ausgang optisch und akustisch versöhnlich, aber keineswegs der Zukunft zugewandt verschwinden und verklingen lassen.

Wir also schon mittendrin, zwischen labyrinthischem Pausenbereich, Zuschauertribüne und „Bühne“ sind die Übergänge fließend, alles ist weiß und sauber, „Crew“-Mitglieder reißen die Karten ab, verkaufen Getränke und gehen nachher Tamerlano zur Hand. Es besteht aber kein direkter Grund zur Sorge. Tamerlanos Folterkammer ist zugleich eine Unterhaltungsshow, beides, die Folter und die Unterhaltung sind handverlesen und bleiben schillernd zwischen Deutlichkeit und Diskretion.

Nachher klirren Ketten, aber eigentlich sind es bloß Steigbügel, die der Cowboy Tamerlan dabei hat. Er knallt auch mit einer Peitsche herum und hat einen metallenen Baseballschläger. Wenn Tamerlan darauf ungeduldig mit seinem Finger tippt, kommt er mit seinem Ring an den Schläger, Metall auf Metall, ein Metronom des Schreckens. Menschen haben Angst, aber sie kommen physisch selten zu Schaden. Bayazet wird durch Übergießen mit einer dunklen, öligen Flüssigkeit gefoltert, er krümmt sich vor Schmerz oder / und Schmach, die abscheulichste Szene. Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather, sein Bühnenbildner Paul Steinberg und die Kostümbildnerin Doey Lüthi finden einen klugen Durchgang zwischen Offenheit und Spielerei. Das meiste setzt sich erst im Kopf zusammen.

Eine Geschichte unter Amis: hier ein Cowboy, da ein Baseballspieler, dort eine Discokönigin, man trägt Jeans und als es ernst wird, gibt es für den Gefangenen einen Guantánamo-orangefarbenen Jogginganzug. Die Figuren sind aber keine Karikaturen und wenn sie es sind, machen sie klar, dass sie eine Rolle spielen.

Schlathers Ansatz unterscheidet sich dadurch deutlich von anderen gewitzten, ebenfalls zum Teil durchaus minimalistischen Barockmusikaufführungen, wie sie nicht zuletzt dank der Oper Frankfurt auch im Bockenheimer Depot zu sehen sind. Schlather und das großartige Ensemble können ebenfalls sehr witzig werden, aber das ist offenbar nicht der springende Punkt. Der Minimalismus, mit dem sich der Regisseur in den USA bereits einen Namen gemacht hat, bezieht sich nicht allein auf das Dekor, er bezieht sich ebenso auf die Bewegungssprache, die Mimik. Ständig erwartet man Klamauk, aber er kommt in Dosen (Budweiser). Selbst die Normalität und Natürlichkeit der Figuren wird nicht ostentativ herausgestellt, sie soll einfach da sein, und da ist sie.

Am trefflichsten vielleicht gerade in der aggressivsten und lustigsten Figur, dem Titelhelden, den Lawrence Zazzo mit einem metallisch schneidenden Counter singt und über einen großen Teil des Abends als putzmunteren Cowboy mit großer Brille präsentiert. Eine Verkleidung nur, aus der sich am Ende ein verwirrter, etwas erschrockener Mensch herausschält. Während Tamerlan die anderen Figuren erst in die Verkleidungen gezwungen hat. Seinem griechischen Verbündeten Andronico, hier dem zarten, jugendlichen Brennan Hall mit einem sanften, unprätentiösen Alt, hat er ein Baseball-Trikot kommen lassen. Für die vehemente, hinreißende, immens virtuos singende Asteria von Elizabeth Reiter (einem Ensemblemitglied als perfekter Barockspezialistin) hält er ein unbequemes Brautkleid bereit. Wohingegen Tamerlanos abgeschmetterte Verlobte Irene, die cool spielende und inniglich singende Cecelia Hall, als unwandelbarste Figur erscheint. Das und ihr Kaugummigekaue beweisen am besten, dass sie es sein könnte, die dem Cowboy gewachsen ist.

Sein eigentlicher Gegenspieler, Bajazet, der facettenreiche, markante Tenor Yves Saelens, hat das Spiel bereits verloren. Seine ersten Worte – gesprochen, wie zuweilen auch andere Sätze nackt dastehen, zu ihrer simpel bewerkstelligten, aber wirkungsvollen Intensivierung – handeln bereits vom Suizidplan. Nur Gefühlsverirrungen und Geplänkel halten ihn noch dreieinhalb Stunden davon ab, ihn auszuführen. Händel hat ihm eine ausgefeilte Sterbeszene geschrieben, die noch in ähnlichen Verdi-Momenten kaum imposanter ist.

Trotz eines (ironischen) Konfettieinsatzes ist kein Feuerwerk, sondern ein Theater der Konzentration zu sehen, dokumentiert auch in der funkelnd ausgestalteten Nebenfigur des Leone, Liviu Holender, dem bei Händel wie bei Schlather die Rolle des Kommentierenden zukommt. Funkelnd erst recht das Orchester. Neben Laute und Gitarre sorgen interessante Holzblasinstrumente, Blockflöten, Chalumeaux, für besondere Farben, die Karsten Januschke auch herrlich herausarbeiten lässt. Händel klingt knallfrisch, tanzbar, extrem abwechslungsreich.

Unter den Akteuren hat allerdings nur Tamerlano Muße, die Musik zu genießen. Er ist ein Connaisseur, und es ist seine Show.

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 9., 11., 14., 16., 20., 22., 24. November. www.oper-frankfurt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion