+
Serse spielt einen Song für seine Freunde.

Händel-Festspiele

Aus dem Leben eines Weltstars

  • schließen

Die Händel-Festspiele in Karlsruhe eröffnen quietschfidel und großartig besetzt mit „Xerxes“.

Georg Friedrich Händels Oper „Serse“ ist eine Art „Dallas“ für musikalisch interessierte Kreise. Sie in die Show- und Scheinwelt von Las Vegas in den siebziger Jahren zu verlegen, ist einerseits ein Coup, andererseits zieht es dem Werk den Giftzahn. Der Giftzahn: Xerxes ist zwar ein verliebter Narr, der nicht auf Gegenliebe stößt, wo er sie teils schluchzend, teils drohend sucht. Xerxes ist aber auch der König der Perser, ist J. R. oder, womöglich noch unberechenbarer, ein despotisches Kind mit brutal großem Spielraum und ohne Bedenken. Es stimmt, dass er – macht unerwiderte Liebe schlapp? – letztlich nichts unternimmt gegen den Schlingel von Bruder, dem seine Auserwählte das Herz geschenkt hat. Es stimmt auch, dass er sich am Ende zufrieden gibt mit der Frau, die er schon hinter sich gelassen hatte. Es stimmt aber nicht, dass er ungefährlich ist. Wer ihn übers Ohr hauen will, riskiert sein Leben. Die Figuren zittern, das Publikum staunt, und jedermann wartet auf den großen Schlag. Daraus zieht die putzmuntere Handlung normalerweise eine Menge Spannung.

Bevor er in die Tasten greift und singt wie ein Gott

Xerxes ist also gewiss kein Schlagerfuzzi, allerdings singt er sehr süß, und darum probieren die Karlsruher das jetzt trotzdem aus. Zur Eröffnung der 42. Internationalen Händelfestspiele am Staatstheater geschieht das mit mitreißender Verve und aufopfernder Konsequenz, denn „Ombra mai fù“ als Schnulze für eine Popikone am Flügel zu präsentieren, geht schon relativ weit. Der gleich am Anfang abgeschossene musikalische Oberknaller des Werks lebt sonst eher davon, dass hier ein einziges Mal der sinnierende Titelschurke zu erleben ist. Franco Fagioli aber setzt in „The Serse Show“ und im blauen Glitzeranzug sein Blinkerzahnlächeln auf, bevor er in die Tasten greift und singt wie ein Gott.

Dem großen Countertenor ist die Rolle, so wie sein Kollege Max Emanuel Cencic als Regisseur (und Bruder Arsamene) sie für ihn vorgesehen hat, allerdings auf den Leib geschrieben. Mit Federkragen und Allüren beherrscht dieser Serse die Szene auf seine Weise, und musikalisch kann er sich als Virtuose der unbegrenzten technischen Finessen (Koloraturen mit längstem Atem, frechster Trillereinsatz) zeigen.

Zusammen – die Albernheit der Rolle und die Meisterschaft der Stimme – beantwortet das die Frage, ob „Xerxes“ eine komische Oper sein könnte, ungewöhnlich eindeutig. Ja. Der erfolgreiche Popsänger Serse ist beim Fotoshooting zu erleben, und wenn der Perserkönig als Kriegsstratege gefragt ist, bespricht Serse mit seinem Team die Platzierungen seiner Langspielplatten in den weltweiten Charts. Die sehr aufgepeppten Übertitel erzählen diese neue Geschichte zur Freude des Publikums mit deutlichen Worten.

In vielen Komödien erhofft das Regieteam ein solches Gelächter vergeblich, und Cencic bekommt die oft unterschätzte unterhaltsame und unhehre Stimmung des Barock ebenso gut in den Griff wie das barocke Bedürfnis nach Ausstattung.

Es wird aufgefahren an einem Termin, der – ein vertrautes Spiel bei den Karlsruher Händelfestspielen – von möglichen Warnstreiks der Bühnenarbeiter zur Tarifrunde im Öffentlichen Dienst der Länder auch hätte unterlaufen werden können. Die Gewerkschaft Verdi begnügte sich damit, vor der Vorstellung auf sich und die Leistung der Beschäftigten aufmerksam zu machen, die sich dann in einem Kulissenspektakel auch zeigt.

Serses Show, Serses Villa, Serses Konferenzraum, Serses Garderobe, windige Hintergassen, eine schmucke Einkaufsstraße mit Diner und Boutique: In geschwinden Verwandlungen, teils via Drehbühne, teils von oben, bietet der für seine detailreichen, hier popbunten Bühnenbilder bekannte Rifail Ajdarpasic den perfektionistischen Hintergrund für die geschickt ineinandergeschobene Schar der Chor- und Statistenschar in den tüchtig knalligen Kostümen von Sarah Rolke und Wicke Naujoks. Spaß und Selbstironie regierten das Spiel, der Regisseur Cencic geht selbst voran, indem sein Arsamene ein hippiesker Tropf ist, für die liebreizende Romilda damit eine echte Alternative zum aufgebrezelten Serse, wohingegen die große, goldene Stimme von Lauren Snouffer eine echte Alternative zum rasanten Duo der Countertenöre Cencic und Fagioli darstellt. Ariana Lucas als von Serse vorerst fallengelassene Amastre (die sich zeitgemäß als Praktikant mit falschen Schnauzbart einschleicht) und Katherine Manley als Romildas Fünftes-Rad-am-Wagen-Schwester Atalante chargieren genüsslich und singen hochkultiviert. Profund von unten: Pavel Kudinov als aus Serses Sicht penetrant unverdrossener Ariodate.

Dirigent George Petrou leitet das Festspielorchester „Deutsche Händel-Solisten“ und hält es in geschmeidiger Dauerbewegung, so dass noch die dicksten Faxen auf der Bühne und im Übertitel von einem hohen musikalischen Niveau begleitet werden. So handhabt es auch der von Marius Zachmann einstudierte Chor. Diese Diskrepanz relativiert den Quatsch nicht, es steigert lediglich die Freude daran. Am Ende tobt das Publikum so festspielmäßig, wie sich ein Theater das nur wünschen kann.

Info
Staatstheater Karlsruhe: 22., 24., 26. Februar (Stehplätze/Restkarten), der Vorverkauf für die Wiederaufnahme im Februar 2020 hat begonnen. Die Händel-Festspiele 2019 gehen bis 2. März. www.staatstheater.karlsruhe.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion