Igor Levit in der Alten Oper

Ein guter Draht zu allen

Der Pianist Igor Levit als einer, der sich auch stark zurücknehmen kann, im Konzert des Museumsorchesters in Frankfurts Alter Oper.

Von Bernhard Uske

Zwei Schwergewichte standen auf dem Programm des Museumskonzerts, ein Star saß am Klavier und der Chef dirigierte. Eine Veranstaltung, die keine Wünsche offen ließ, denn Igor Levit, einer der markantesten unter den jüngeren Pianisten – er wird dieses Jahr 30 – wurde seinem Ruf gerecht, Klarheit und Kontur vermitteln zu können, ebenso intensiv bis ins miniaturisierte Detail hinein wie in der komplexen Fülle von Stimmen. Einer, der sich dort ganz reduziert, wo er in Ludwig van Beethovens 5. Klavierkonzert nur die glitzernde oder schimmernde Ober- oder Unterseite des thematischen Geschehens darstellt. Und der dort, wo sein Part die Sprecherrolle übernimmt, ohne Großmäuligkeit oder angestrengten Ton pointiert Aussagen trifft.

Das funktionierte im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt deshalb so gut, weil das Museumsorchester dabei jeweils die genau seitenverkehrte Rolle einnahm. Chefdirigent Sebastian Weigle hatte einen hervorragenden Draht zum hinter ihm befindlichen Flügel und dem vor ihm sitzenden Tutti. Auf diese Weise so gut verbunden erlebt man die Detailauffälligkeit und die melodiösen und rhythmischen Massenbewegungen kaum einmal. Und der Klangdrehwurm des finalen Sechsachtel-Walzers in seinen variierten Brechungen hatte seine ganz eigene Faktur in stramm angezogenem Tempo. Es war hintersinnig und von zauberhafter Distinguiertheit, wie Levit dann in der Zugabe das Walzer-Scherzo aus Dmitrij Schostakowitschs 1. Ballett-Suite gab. Eine Art Puppen-Flohwalzer in sublimster, anschlagsreinster Präsentation.

Nach der Pause erklang Anton Bruckners 4. Sinfonie, die „Romantische“ in einer idiomatisch und bildhaft so plastischen und dabei zugleich durchartikulierten Formausprägung, wie sie gerade bei Bruckner ins Zentrum trifft. Denn so naiv die programmatischen Erklärungen zum Inhalt seiner Sinfonien wirken mögen – das Genialische dieses komponierenden Solitärs ist es ja gerade, Illustration sowie Affektivität und höchst tüftelige und monumentale Baulichkeit vermitteln zu können. Wunderbar profilierte Sebastian Weigle die choralartige Pathetik, die Klang-Szenografien und -Dioramen, ließ auch die Puppen mächtig tanzen und marschieren. Immer durchsichtig auf die Konstruktion der artistischen Mechanik.

Umwerfend waren einzelne Stimmgruppen des Orchesters – und die Bratschen und Hörner schossen den Vogel ab beim bunten Treiben der Instrumente, bei dem es dieses Mal eigentlich nur Sieger gab.

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