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Präzeptor Jordi Savall in der Alten Oper.

Jordi Savall in Frankfurt

Die guten Dämonen

Von der Durchlässigkeit der Musik: Jordi Savall gestaltet drei Konzerte in Frankfurt.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Jordi-Savall-Termine, immer ein Labsal fürs musikalische Gemüt. In der Alten Oper Frankfurt gab der Katalane (Jahrgang 1941) am Wochenende mit mehreren Ensembles gleich drei programmatisch gefächerte Konzerte. Universale Eindrücke – der etwas schwammige Begriff „Weltmusik“ war da mit Leben erfüllt.

Was wird dabei ereignishaft lebendig? Alte Musik, gewiss. Aber auch Volksmusik, Straßenmusik. Höfisches, Sakrales und Populäres im Wechsel. Vorrangig scheint weniger das sowieso selbstverständliche, aber auch ein bisschen in den Wind gepfiffene Prinzip der „historisch informierten Aufnahmepraxis“, eher die Lust am gekonnten Spiel auf den seltsamen „wiederentdeckten“ Instrumenten, der Vermischung verschiedenster Idiome, dem performativen Gag. Oft enden Stücke überraschend abrupt, manchmal sogar kurz vor dem erreichten Grundton. Die kleinen Formen, gewöhnlich Lied- und Tanzartiges, werden zu größeren Suiten gebaut mit raffinierten Übergängen sowie vielen improvisiert anmutenden Schmückungen und Details. Als reisende Virtuosen achten die Musiker, allen voran der stets freundlich würdevolle Präzeptor, auf uhrwerkshaft präzise Abläufe im Konzert.

Pausenlose zwei Konzerte im Mozartsaal. Das erste präsentierte eine tour d’horizon durch die frühe Instrumentalmusik in Europa 1500-1700 – beginnend mit italienischer Renaissance und endend mit spanischem und portugiesischem Barock; als personal geprägter Block Kompositionen von Samuel Scheidt. Mit Jordi Savall an der Diskantgambe (fast vom Format einer Geige, aber zwischen den Knien gespielt) stützte sich die Vortragsfolge auf (gezupfte und gestrichene) Saiteninstrumente. Schon hier setzte der Perkussionist Pedro Estevan eigenwillige Akzente.

Das am Abend nachfolgende Konzert war dem Dialog muslimischer, jüdischer und christlicher Tondokumente aus dem Mittelmeerraum vorbehalten. Neben orientalischen Instrumenten kamen zur Stammtruppe des Ensembles Hespèrion XXI noch zwei Vokalstimmen aus Griechenland und der Türkei hinzu, Katerina Papadopoulou und Gürsoy Dincer. Pointe dieser multikulturellen Kollektion war, dass idiomatische Differenzen fast unauffällig gerieten. Frappierend zeigten die collagierten Formate die „Durchlässigkeit“ dieser Tonsprachen auf. Das „Dialog“-Programm wurde in der deutschsprachigen Ansage Savalls ausdrücklich den im europäischen Asyl angekommenen vorderasiatischen und afrikanischen Flüchtlingen sowie den zahlreichen Todesopfern auf dem Fluchtweg übers Meer gewidmet.

Die iberische Halbinsel, Savalls Heimat, war vor 1500 von den muslimischen und jüdischen Volksteilen „gesäubert“. Ein für den katholischen Rassismus auf seinem Welteroberungsweg wichtiges Jahr war dann 1492, als Columbus mit seiner „Entdeckung“ die Voraussetzungen schuf für Unterdrückung und weitgehende Auslöschung der indigenen Bevölkerung Amerikas. Heute fasziniert die mit so viel Schmerz und Schande verbundene mestizische und kreolische Kultur, auch mit ihren immensen musikalischen Spuren, denen Savall mit ebenso viel artistischer Lust wie wissenschaftlicher Findigkeit nachforscht. Für das Konzert „Folías Criollas“ zog man in den (wie zuvor der Mozartsaal) vollbesetzten Großen Saal um, und mehr als zwanzig Mitwirkende – neben Hespèrion XXI: La Capella Reial de Catalunya, Tembembe Ensamble Continuo – wölbten den Veranstaltungsbogen aufs glücklichste.

Außer den Streichern nun auch zahlreiche Bläser. Und der an der Harfe (Arpa cruzada) tätige Andrew Lawrence-King hatte Gelegenheit zu einer skurril-pathetisch ausladenden Ansprache, in der er einen erotischen Paartanz beschrieb, der dann nachfolgend der Phantasie des Publikums überlassen wurde.

Dennoch blieben die aus vielen Teilen Südamerikas stammenden Musiken nicht „ungetanzt“, sie schrieen ja förmlich nach der körperhaft sich manifestierenden Lebensfreude. Dafür sorgten insbesondere die elegante Tänzerin Donají Esparza und ihr Partner Enrique Barona, der, meist singend, einmal wie ein guter Dämon aus der Flasche in schamanenhafter Wildheit an die Rampe vortrat.

In einem so nachdrücklich hochkulturell definierten Biotop wie dem Großen Saal kann man sich schwerlich am authentischen Ort für kostümbunt entfesselte Folklore fühlen. Jedoch: Savalls Ensemble-Durchlässigkeit schafft auch dafür den rechten Ort. Beglückung, Standing Ovations.

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