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Karel Gott 1999 in Prag zun den Jubiläumsfeiern der Tschechischen Republik.

Nachruf

Der gute Mensch aus dem Sozialismus

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Karel Gott, der jetzt im Alter von 80 Jahren gestorben ist, prägte nicht nur den Schlager, sondern formulierte Anfang der 70er Jahre in einer Welt der Mauern und Grenzen Sehnsüchte.

Als Dieter Thomas Heck 1969 das erste Mal seine Ansagekunst in der „ZDF-Hitparade“ zur Darbietung brachte, schickte er Karel Gott, „unseren sympathischen Freund aus der Tschechoslowakei“, mit der Startnummer 6 in den bald danach zum Kultprodukt aufsteigenden Sängerwettbewerb.

Man merkte dem Schnellsprecher Heck an, dass er mit dem Mann aus dem sozialistischen Nachbarland ein wenig fremdelte. Obwohl die „Fiesta Mexicana“ inbrünstig vom Deutschen Rex Gildo besungen wurde, war die Fernsehsendung doch sehr vom Starpersonal aus südlichen Ländern geprägt. Man hörte den Leuten gern zu und bereiste die Länder, aus denen sie kamen, zu Urlaubszwecken. Wie Dieter Thomas Heck Karel Gott ansagte, klang das eher nach der programmatischen Umsetzung des Prinzips der friedlichen Koexistenz, und „die goldene Stimme aus Prag“, wie man Karel Gott bald nannte, zog es vor, sich jeglicher politischer Vereinnahmung zu entziehen, so gut es eben ging.

Und doch sagen die Lieder oft mehr aus, als ihr Sänger beabsichtigt haben mag. „Weißt du wohin?“ war der Titel, den Karel Gott bei seinem ersten „Hitparaden“-Einsatz sang, eine Coverversion der „Schiwago“-Melodie des französischen Komponisten Maurice Jarre. Aus dem Mund von Karel Gott aber klang es wie eine hymnische Paraphrase zu dem zeitpolitischen Bedürfnis, Mauern und Grenzen zu überwinden. Nicht minder emphatisch nahm sich Karel Gott des Themas in dem Lied „Einmal um die ganze Welt“ an, in dem die Reiselust fast schon hippiesk verklärt daherkommt: „Einmal um die ganze Welt/und die Taschen voller Geld/ Viele fremde Länder seh’n/auf dem Mond spazieren geh’n/davon hab’ ich schon als kleiner Bub geträumt.“ Woodstock und die Mondlandung kamen hier gewissermaßen in einer großen Sehnsuchtserzählung zusammen.

Reisefreiheit stellte für Karel Gott ohnehin kein schwerwiegendes Problem dar. Er war der Exportschlager seines Landes und sang in der „ZDF-Hitparade“ ebenso wie im Palast der Republik in Berlin, Hauptstadt der DDR. Der „Sinatra des Ostens“ war in mancherlei Hinsicht einer der wenigen gesamtdeutschen Schlagerstars, und bald trat er in der ganzen Welt auf und verkaufte mehr als 30 Millionen Tonträger. Dennoch blieb Karel Gott im Westen lange einer aus dem Osten, und im Gegensatz zu der Schlagerfröhlichkeit, die die „Hitparade“ anzubieten hatte, waren seine Lieder immer ein wenig ernst und elegisch. Der junge Tscheche mit der ausgebildeten Gesangstimme schien jede Silbe pathetisch auszusingen, und während der kürzlich gestorbene Grieche Costa Cordalis oder auch der Italiener Ricky Shane ihre Hemden bis zum Bauchnabel geöffnet trugen, war Karel Gott seriös zugeknöpft und reüssierte in der Schlagerwelt schon deshalb als ein stilistischer Gegenentwurf.

Er war dies aber vor allem auch in musikalischer Hinsicht, und das war neben der glasklaren Tenorstimme Karel Gotts im Wesentlichen das Verdienst des Komponisten Karel Svoboda, der die meisten der 900 Lieder komponierte, die Karel Gott auf Schallplatten herausbrachte. Das Berühmteste ist das Lied von der „Biene Maja“ zur gleichnamigen japanischen Zeichentrickserie, die ihn endgültig zu einem Star machte, der mehrere Generationen prägte. Die Biene Maja ist heute noch immer die naheliegende Assoziation der meisten Menschen zu Karel Gott, der in wechselnden Konjunkturen über Jahrzehnte zuverlässig die populäre Musik belieferte.

Gewiss hätte der zunächst in der DDR und später im Westen erfolgreiche Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973 einen ähnlichen Effekt haben können, zu dem Svoboda die Musik komponiert und Karel Gott Lieder beigesteuert hatte. Die aber blieben allein der tschechischen Originalversion des Films von Václav Vorlícek vorbehalten und fanden nicht in die deutsche Fassung, die stark von Svobodas leicht ins Jazzige tendierenden Instrumentalmelodien geprägt war.

Karel Gott war wiederholt Gast auf zahlreichen Festivals und in Fernsehshows, darunter die „Gilbert-Bécaud-Show“, das Nashville-Country-Music-Festival, die „Rudi Carrell Show“ und „Ein Kessel Buntes“. Wenn die TV-Regisseure etwas Glamouröses bieten wollten, fiel ihnen wie selbstverständlich dazu der dunkle Smoking Karel Gotts ein, später immer häufiger auch in Weiß.

Obwohl Karel Gott die größten Erfolge in seinem Heimatland und in Deutschland feierte, sang er seine Lieder auf Französisch, Italienisch, Russisch, Hebräisch, Spanisch, Romani, Polnisch, Ungarisch, Serbokroatisch, Slowakisch und einigen Sprachen mehr. Der osteuropäische Akzent, den er im Deutschen stets beibehielt, ist bis heute ein hervorstechendes Erkennungszeichen.

Der Versuch, sich noch einmal bei einem ganz jungen Publikum ins Spiel zu bringen, verlief 2008 allerdings etwas zwiespältig. In einer Coverversion des Alpha-Hits „Forever Young“, die er mit dem Berliner Rapper Bushido einspielte, schien Karel Gott Bushido eher zu assistieren als ebenbürtig an dessen Seite zu stehen.

Die Fans machten sich zuletzt wiederholt Sorgen aufgrund der Nachrichten über seinen schlechten Gesundheitszustand. Von mehreren chemotherapeutischen Behandlungen einer Krebserkrankung, die 2015 diagnostiziert worden war, hatte er sich zunächst wieder erholt. Zuletzt jedoch hatte sich sein Zustand dramatisch verschlechtert. In der Nacht zum Mittwoch ist Karel Gott nun im Alter von 80 Jahren gestorben.

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