+
András Schiff mit seinem Ensemble Cappella Andrea Barca in der Alten Oper Frankfurt.

Andras Schiff in Frankfurt

Ein gründlicher Steuermann

András Schiff steht in der Alten Oper im Fokus, jetzt mit dem von ihm gegründeten Orchester Cappella Andrea Barca.

Von Stefan Schickhaus

Welches Wort soll man wählen: Gemächlich? Entspannt? Abgeklärt? Oder: Langsam, mitunter bis ins Extreme? Nie verkehrt liegt man mit dem Begriff „gründlich“, wenn man Sir András Schiffs Interpretation von Ludwig van Beethovens erstem Klavierkonzert beschreiben möchte, wie sie der ungarische Pianist mit britischer Staatsbürgerschaft jetzt angeboten hat.

Dem Mann mit dem gründlichen Klavierspiel widmet Frankfurts Alte Oper derzeit eine dreiteilige Konzertreihe, „Fokus András Schiff“ heißt sie und fokussiert einen facettenreichen Pianisten, der seinerseits die Werke aufs Genaueste fokussiert.

Beethovens erstes Klavierkonzert machte den Anfang: Schiff sezierte es wie mit dem Skalpell. Das war kein auftrumpfend-ungestümer Jung-Beethoven herauszuhören, der temporeich dazwischengrätscht. Nein, bei András Schiff wird jedes Detail überprüft, jede Linie erst einmal zu Ende gedacht. Schiff sieht den jungen Beethoven sozusagen im Rückspiegel – zu seinem Beethoven sei er durch Schubert gekommen, hat er einmal gesagt, man merkt's.

Eine entscheidende Idee anders klingt es, wenn András Schiff Mozart spielt, hier sein Es-Dur-Klavierkonzert KV482. Das wird dann mehr durchleuchtet als seziert, da wirken die Tempi wie gottgegeben, das ist einfach eine Mozart-Erleuchtung.

Zart abgeholt

Um alle Mozart-Klavierkonzerte zu spielen, suchte Schiff 1999 befreundete Musiker zur „Cappella Andrea Barca“ zusammen. In diesem Orchester sitzen prominente Kammermusiker wie Erich Höbarth, Anita Mitterer, Hariolf Schlichtig oder Marie-Luise Neunecker, eine Edelbesetzung sozusagen. Alles Freunde von ihm, wie Schiff versichert – aber kann man das auch hören? Sagen wir einmal so: Wer als Pianist nach der Solokadenz im Beethoven-Finalsatz derart zart und einfühlsam abgeholt wird, kann sich jedenfalls größter Nähe sicher sein.

Der eigentliche Prüfstein aber lag zwischen Beethoven und Mozart. Da dirigierte András Schiff die fünfte Sinfonie von Franz Schubert – und man kennt das ja von anderen Pianisten von Weltrang, dem Amerikaner Murray Perahia etwa, dass am Klavier alles topp ist und am Dirigentenpult dann vieles mau.

Bei Schiff aber ist das anders. Der kann auch als Steuermann seiner „Andrea Barca“ bestehen, kann die gleichen Qualitäten, also größtmögliche Transparenz und genaueste Phrasierung, auch seinem Orchester entlocken. Der Trioteil des Menuett-Satzes etwa war eine Lehrstunde in Phrasenbildung. Lehrstunden sind nie flotte Stunden, das ist schon klar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion