Alte Oper

Großformat und Wiegemodus

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Andris Nelsons und das Leipziger Gewandhausorchester in Frankfurt.

Andris Dzenitis’ „Mara“, benannt nach einer alten lettischen Gottheit, kann als Auftragswerk des Leipziger Gewandhausorchesters (und des Boston Symphony Orchestra) ein groß besetztes Sinfonieorchester beschäftigen. Das ist ein Privileg, das neuer Musik nicht selbstverständlich zuteil wird. Wirkungsvoll weiß der 1978 geborene Komponist das zu nutzen, weder massiv noch schüchtern. Aus glasigen Flächen entwickeln sich stark dynamische Passagen mit mächtigem Bläseraufgebot, einem Wieder-Zurückweichen ins kristallisch Feine, einem großangelegten Solo für die prachtvolle Leipziger Bassklarinette und einem Verhauchen. Dafür waren wiederum die tonlos blasenden Blechbläser zuständig, bis der eigenartige, aber ansprechende Spuk wie von selbst verklungen, verschwunden war.

Andris Nelsons, Chefdirigent des in der Alten Oper gastierenden Leipziger Orchesters wie auch der Bostoner Sinfoniker, schien also bei der Beauftragung alle Strippen gezogen zu haben. Und hatte als Solistin für den zweiten Teil vor der Pause seine Ex-Frau Kristine Opolais eingeladen. Das ist nicht delikat, sondern professionell, gleichwohl gerieten zwei Sopranstellen aus Peter Tschaikowskis „Eugen Onegin“ etwas hochdramatisch, darunter die berühmte Briefschreib-Szene. Das lag nicht nur an der Tragödinnengestik, der man als Opernhörer natürlich selbst in einer so zarten Situation viel abgewinnen kann, sondern vor allem an der großformatigen und eben auch eine Spur grobkörnigen gesanglichen Gestaltung. Interessant, dass Nelsons mit dem Orchester einen deutlich weicheren Klang anzustreben schien, der in der dazwischen gebotenen, federnd feinen Polonaise auch zum Zug kam.

Im Zentrum stand aber nach der Pause Gustav Mahlers 1. Sinfonie, in der das Gewandhausorchester seinen homogenen Gesamtklang, zumal den der Streicher, sowie seine vorzüglichen Solisten ganz zur Geltung bringen konnte. Nelsons, der ein cool wirkender Dirigent ist, ließ hören, wie präzise seine Musiker eingestellt waren und wie wenig er ihnen nun per Handzeichen signalisieren musste. Ein hohes Maß an Heiterkeit lag über der Musik, die unter Nelsons nichts Schroffes bekam, sondern geradezu provozierend lieblich wurde. Die Leipziger im wiegenden Walzermodus, das wird so fein und süß länger nicht mehr zu hören sein.

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