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Musiker im Traiben vor der Alten Oper.

Alte Oper

Auf der großen Stadtwiese

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In und vor Frankfurts Alter Oper beginnt das Musikfest „Atmosphères“

Das Musikfest „Atmosphères“ der Alten Oper ist mit „Musicircus“ von John Cage eröffnet worden. Jener Konzeption aus den späten 60er Jahren, bei der Leute eingeladen werden, die zugleich am gleichen Ort Beliebiges spielen wollen. Klanglicher Polyzentrismus, wie ihn die akustische Erfahrung von Jahrmärkten mit ihren sich durchdringenden Klangzentren kennt. Ein kompositorisches Verfahren, das in der Moderne viele Anwendungen gefunden hat. Die kumulative Cage-Session gehört dazu und könnte als eine Art Vorläufer möglicher akustischer Flashmobs gelten: jeder kann – keiner muss!

Nicht ohne Anmeldung und Eintrittskarte allerdings in Frankfurt und auch nicht ohne Einhalten einer Prozessions-Ordnung, die vom Circus-Beginn auf dem Opernplatz zwischen umherwandernden Passanten dann geordnet und mit Eintrittskarte zur Circus-Fortsetzung in die unteren Ebenen des Hauses und schließlich in den Großen Saal hinauf führte. Mit einem bunten Völkchen aus Chören, Quartetten, Bands, Solisten, die teils auf selbstgebastelten Instrumenten vor sich hin sangen und musizierten. In der Groß-Perspektive eine lärmaffine, graue Klangtotalität, die sich nur im Nähertreten des Zuhörers in Charakter, Farbe, Modulation differenzierte.

Eine Gruppe aus Bayern (Berufsfachschule für Musik Dinkelsbühl) agierte wie eine Art Cage-Guerilla in ihrem exzentrisch-starren Gestus bei streng reduzierter Klang-Emission. Der Melanie-Müller-Spruch „Wer sich erinnert war nicht dabei“ auf dem Shirt einer der Aktivistinnen wirkte dabei wie ein genialer Cage-Kommentar.

Im Großen Saal dann, wo das Museumsorchester bereits auf dem Podium Platz genommen hatte, zeigte sich die Hierarchie wiederhergestellt. Jetzt durften die Musi-Artisten von draußen noch einmal loslegen und erkennen lassen, dass es auch im Cage’schen Anarcho-Circus den struggle of life mit in diesem Fall dem survival of the loudest gibt.

Danach das Motto-Werk des Musikfests: György Ligetis „Atmosphères“: jene in zehn Minuten am Zuhörer vorbeiziehende Klangwolke, die der Neuen Musik 1961 das Phänomen des Diffusen, Wabernden, Fluiden und Flächigen erschloss. Dirigiert von Lawrence Foster; und danach in der Manier der alten Bigband-Battles mit crescendo- und decrescendo-Einsätzen zugleich für die Podiums-Profis und die Parkett-Laien ein ordinäres Coda- und Stretta-Finale: Cage Adé.

„Musicircus“ und „Atmosphères“ folgte abends im Mousonturm „Land (Stadt / Fluss)“ – ein audio-visuelles Landart-Projekt von Daniel Kötter (Video / Film) und Hannes Seidl (Komposition). Ein Arkadien für stadtmüde Städtebewohner; ein fünf Stunden währendes künstliches Paradies, das sich selbst in seiner Real-Existenz zu reflektieren wusste. Im gänzlich ausgeräumten Theatersaal auf echtem Rasenboden lagernd das Publikum in Betrachtung eines ohne Schnitt ablaufenden Films, der in kaum merklicher Bewegung das Sichtfeld einer sich ständig 360 Grad um die eigene Achse drehenden Kamera zeigt. Über die gesamte vordere Bühnenwand projiziert. Das Ganze ein subtiles und doch entschiedenes Poröswerden der Grenze von filmisch vermittelter Landwirklichkeit und städtischem Theaterraum.

Das geschah durch Doppelungen, etwa in den diversen Sonnenlichteinstrahlungen im Film und im Saal, dem Einbrechen der Dunkelheit, wo auf der großen Landwiese ein Fest vorbereitet wird, dem Aufkommen von Wind hier wie dort, feuchte Kühle von unten auf dem Rasen, Rauchschwaden des Feuers, Essenkochen mit seiner geruchlichen Wirkung, die Musiker im Film und auch im Raum in denselben Positionen spielend: eine ungemeine atmosphärische Verdichtung. Bukolisches, pastorales Zwischenreich, eine Transitzone der ganz alten und der neuesten Welt.

Dazu bekam man ein librettoartiges Buch (Text: Johann Pastuch), das den Verlauf der fünf Stunden mit Dialogen und Reflexionen synchronisierte und als eine weitere Ebene der Realität genutzt werden konnte. Ein Schäferspiel ohne ergrünte, neo-rousseauistische Attitüden. Kein Betroffensein und Klagen, sondern einfach Daseinsform mit einer musikalischen Formatierung, die an Morton-Feldman’sche Verknüpfungsweisen erinnerte mit ihrem fünfstündigen heterophonen Intervallklangband.

Die Blechblasinstrumentalisten Andrew Digby, Paul Hübner, Ona Ramos, Elsa Scheidig und Gabriel Trottier boten Hannes Seidls kargen und doch innigen Tonsatz überwältigend stringent als atmosphärisches Verwandlungserlebnis.

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