hr-Sinfoniker

Große Klangwalzen

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Die hr-Sinfoniker mit Cellistin Sol Gabetta.

Eine reizvolle Klammer beherrschte das Konzert des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper: eine Apotheose kommunistischen Marsch-Aufbruchs zu Beginn; eine brüchige Apotheose bürgerlicher Tanzseligkeit am Ende. Dmitrij Schostakowitsch hat zum 37. Geburtstag der Oktoberrevolution eine „Festliche Ouvertüre“ komponiert, die alle Anforderungen an kollektive Emphase erfüllt: strahlendes A-Dur in rhythmischer Militanz und gleißendem Blech. In den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts lag das Quoten-Diktat in den Händen von Parteien und Kulturkammern und lautete: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Keine Frage, dass die Freude ob des rotbackigen Geschmetters von 1954 bei Politbüro und Publikum größer war als die Ausdauer, die man 12 Jahre später brauchte, um das 1966 komponierte 2. Cello-Konzert Schostakowitschs zu goutieren. Dem 6-minütigen Jubel folgten im Großen Saal knapp 40 Minuten jenes Schostakowitsch-Tons, der sein grauhaariges Legato in langsamen, stufenweise sich bewegenden Tonfolgen auslebt und zwischen Manie, langer Weile und gedämpfter Dynamik eine schwer zu fassende Atmosphäre erzeugt.

Sol Gabetta, die Solistin, hielt sich mit ihrem schlanken Ton fern einer Ausdruck pumpenden, Beweglichkeit vorschützenden Haltung, was angesichts des unvirtuosen Habitus des Ganzen durchaus ein interpretatorisches Statement war. Pablo Heras-Casado, der 42-jährige Gastdirigent, gab dem Tutti einiges an Profil und sorgte besonders gegen Ende des Werks dafür, dass die Auflösung seines stoischen Verlaufs in punktuelle, geisterhaft wirkende Pingpong-Bewegungen zwischen Solo und vor allem Schlagzeug, die schon auf das Spätwerk hindeuten, in feiner Konzentration geschah.

Der zweite Teil des Abends war Claude Debussy und Maurice Ravel vorbehalten. Eine Zusammenstellung von je zwei Sätzen aus „Nocturnes“ und „Images“ Debussys präsentierte impressive Stimmungsästhetik, die tonsetzerische Handwerksbiederkeit mit ihrer Ausdrucksornamentik hinter sich gelassen hat. Heras-Casado hielt die gewebsartigen Verbindungen der Klangfäden des großen Orchesters fest in den Händen, wenngleich sich Farbigkeit und Obertonreichtum nicht einstellen wollten.

Das galt auch für Ravels am Ende des Ersten Weltkriegs entstandenes Memorial des bürgerlich-kaiserlichen Wien in Gestalt seiner musikalischen Landmark, des Wiener Walzers. Brillant zerlegte das HR-Sinfonieorchester in „La Valse“ die große Klangwalze in ihre Einzelteile, die anfangen, ein eigenes Leben zu führen: ein Walzer, der Walzer tanzt.

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