The Bonnevilles

Groovend durch den Schlick

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Nordirlands Punkblues-Duo The Bonnevilles animiert zu Tanz und Bierbecherwurf.

Norman Uprichard, Fußballtorwart, hält die Nordiren trotz gebrochener Hand und malträtiertem Knöchel im 1958er WM-Wettbewerb. George William Russell, Dichter und Sozialreformer, will die irische Kleinbauernschaft aus den Klauen ihrer Ausbeuter befreien. Tommy McKearney, IRA-Kommandeur der East Tyrone Brigade, hungert sich über 53 lange Tage in die Nähe des schwarzen Todes. – Eigensinn, Zähigkeit, Visionen. Typen, die das Städtchen Lurgan im County Armagh hervorgebracht hat.

Dort, wo vor nicht allzu langer Zeit die von Laienprediger Billy „King Rat“ Wright angeführte Loyalist Volunteer Force das paramilitärische Terrorhandwerk ausübte, dürfen sich fortan auch die Herren Andrew McGibbon Jr. und Chris McMullan zur Garde der ewigen Helden gesellen. Unter dem Namen The Bonnevilles haben sie gerade ihr viertes Tonwerk in die Welt entlassen: „Dirty Photographs“ enthält elf Songs, die rohen Blues und unsentimentalen Punkrock in erfrischender Schroffheit vereinen. 42 Minuten und 20 Sekunden marschiert ein vierhändig produzierter Rumble ohne sinnentleerte Abschweifungen und solistische Sperenzchen geradeaus. Es ist zum Bierbecher-Schmeißen.

Virtuosen – angeblich brave Familienväter, liebende Ehemänner – ohne Virtuosen-Anmaßung: In einem nordirischen Bauernhaus verwandelt der stoische McMullan das Drum Kit in eine Sperrfeuerbatterie, während Kollege McGibbon Jr. mit seiner alten Epiphone Sheraton den ebenso betagten Verstärker ausglüht. Groovend erhebt sich im Titelstück eine beerdigt geglaubte Pub-Rock-Seligkeit, die frühen Led Zeppelin sind nahe, einmal schleppt sich eine todwunde Alligatorschildkröte durch den Schlick. Der Punkblues-Wumms des Tages ist hier „The Good Bastards“ überschrieben – und darf als Anspielempfehlung uneingeschränkt gelten.

Natürlich wird bei den Danksagungen das ebenfalls bei Alive Records gelistete Duo Left Lane Cruiser genannt: Dessen im Vorjahr veröffentlichtes „Claw Machine Wizard“-Album wurde an derselben Weggabelung gezeugt. Schwere Riff- und Slide-Tobsucht findet sich hier wie da – in der Bonnevilles-Garage schmieren zudem auch Surf-, Billy- und Folk-Zutaten das Triebwerk. Im „Rebels Shrug“ ist sogar das Cello von Laura McFadden zugelassen.

Es ist bezeichnend, dass Gitarrist Andrew McGibbon Jr. immer wieder auf den Wendepunkt seines Lebens hinweist, auf die Bekanntschaft mit dem Mississippi-Krawallmacher R.L. Burnside und dessen „A Ass Pocket of Whiskey“-Wiedererweckung. Dem Altmeister hat damals die Jon Spencer Blues Explosion auf die Sprünge geholfen – was für den Werdegang der zwei Lurgan-Boys durchaus eine gewichtige Rolle gespielt hat. Mit Spencer beginnt eine Freiheit, die harte Blues-Traditionalisten verzweifeln lässt.

Bahnt sich im Norden Irlands, in einer der sechs historischen Grafschaften, eine Abspaltung an? Das Ende aller Verweise auf die alten Helden? „Robo 6000“ beendet das Album jenseits von rauhem Gesang, rotzigem Gedengel. Instrumentaler Eigensinn öffnet mit einem Male andere Sphären. Am Ende einer – doch, doch – tanzbaren Unternehmung müssen Fragen erlaubt sein. Werden sich die Unerschrockenen demnächst als Surf-Blues-Kosmonauten präsentieren? Halten sie Nordirland im Wettbewerb?

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