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Garcia Peoples, ein Vierer aus New Jersey.

Neue Platten

Grobkörnig, butterzart

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Garantiert „Total Yang“: Neue Platten von Garcia Peoples und Dehd, Jam-Rock und Surf-Twang, ins Heute transferiert.

Auf dem einen Cover laufen rote und blaue Pferde vor dottergelbem Hintergrund, das andere zeigt Halluziniertes, tiefgrün gerahmt. Dort stehen Kerle auf nachtdunklen Bahngleisen, hier schlingern die Songtitel in Serpentinen. Zwei Neuheiten aus Nordamerika, unglamourös „Natural Facts“ und „Water“ überschrieben.

Die „Facts“ werden dargelegt von Garcia Peoples, denen damit das zweite Album innerhalb von zwölf Monaten geglückt ist. Vor acht Jahren gegründet, hat sich der Vierer aus New Jersey ein Terrain erobert, das eigentlich für unkultivierbar gelten musste. Zu viele Tote liegen im Boden, beträchtliche Altlasten. Dass die Oberpsychonauten Tom Malach und Danny Arakaki – beide geben als kongeniales Gitarrero-Duo die Richtung vor – einem missionarischen Trieb folgen, ist schon nach wenigen Sekunden klar. Da sägt sich im Opener „Feel so great“ eine Riff-Psychedelica mit Sogwirkung ins Geschehen – und demonstriert umgehend, was die Truppe zu vollbringen vermag.

Tatsächlich sind sie imstande, das zerschlissene Jam-Rock-Genre auf angenehm abgespeckte Weise mit Flow ins Heute zu transferieren. Girlanden aus Saitenklängen werden dennoch um das Basismotiv gewunden, plötzlich auskeilende Zügellosigkeiten wieder ans Halfter genommen. Darf man ungeniert von „entspannten Sounds“, gar „perlenden Läufen“ sprechen?

Dehd, ein Dreier aus Chicago.

Die mit Zitaten (Pink Floyd, CSN & Y, sogar Yo La Tengo) angereicherten Stücke nennen sich „Weathered Mountains“ oder „Rolling Tides“. Größte Verehrung im Peoples-Kosmos genießen – ja, es muss ausgesprochen werden – Grateful Dead und Television. Wie eine Kreuzung dieser beiden Heiligenformationen klingt die Platte auch: die fünf Minuten von „Total Yang“ sind grobkörnig und butterzart zugleich. Mit dem allerletzten, in glockenheller Harmonie schwelgenden Lied dürfen auch die seligen Byrds nochmals durch den Canyon traben. Kurzum: Das hat Klasse (und will live geprüft sein).

Auch das Handwerk von Dehd aus Chicago entbehrt nicht einer hörbaren Traditionsgebundenheit. Doch was Velvet Underground, Calvin Johnson oder die Neuseeland-Legenden The Chills und The Clean einst hingezimmert, wird von Emily Kempf (Bass, Gesang), Jason Balla (Gitarre, Gesang) und Eric McGrady (Schlagzeug) als Sprungbrett genutzt. Besser: sie stürzen sich in dieses Album, das ihr elektrisches Debüt ist und „Water“ heißt.

Dreizehn kurze Songs reichen für den langen Nachhall. Auf dem Fundament aus Basslinie und Standtrommelkunst wird eine Melodie-Mansarde errichtet, in der neben Surf-Twang und Schrammel-Pop auch Johnny Thunders oder Link Wray wohnen dürfen. Wie diese einfachen Arrangements mit Hingabe und dem Mut zu Sperenzchen (die alle funktionieren und krachen) angereichert werden, ist eine Wucht. Mitreißendere Refrain-Passagen waren lange nicht mehr zu vermelden.

Textlich bleibt alles im Land der Liebe und seiner Kolonien. Dem vordergründig Sorglos-Sonnigen ist jedoch das Drama stets eingerührt: „Is this the end shalalalala?“

Alleine vier Stücke sind der Dauerrotation würdig: „On My Side“ (das Video dazu anschauen!), „Love Calls“ (welche Finessen der Trio-Minimalismus zulässt!), „Long Way Home“ (im Marschieren tanzen!). Und, fürwahr, der drei Minuten andauernde „Water“-Ausklang mit einer göttlich-kieksenden, außerirdisch-überschnappenden Emily Kempf.

Wenn der Sommer sich tatsächlich einstellen sollte, dann nur im Beisein dieser Scheibe. Lo-Fi mit „Sunbeat“, ein Hauchen und Fauchen. „Work with what you have and make it magical“, sagt Kempf. Auftritte in Deutschland sind für den Herbst angekündigt.

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