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Grigory Sokolov im Wiesbadener Kurhaus.

Rheingau Musik Festival

Grigory Sokolov in Wiesbaden: Beherrscht bis ins Detail

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Grigory Sokolov mit Beethoven und Brahms im Wiesbadener Kurhaus.

Grigory Sokolov, der seit sechs Jahren regelmäßig beim Rheingau Musik Festival gastiert, hatte für sein Konzert im Wiesbadener Kurhaus Ludwig van Beethovens 3. Klaviersonate und die Bagatellen op. 119 sowie die Klavierstücke-Zyklen op. 118 und op. 119 von Johannes Brahms ausgewählt. Das Temporär-Repertoire, das der 69-jährige Pianist aus Sankt Petersburg, wie er es immer für die Dauer eines Jahres tut, gegenwärtig allenthalben realisiert.

Beethovens wirbelndes Frühwerk und das beginnende Spätwerk mit seiner rezeptiven Ungefälligkeit zu Beginn: Der 25-jährige Komponist kam in der Joseph Haydn gewidmeten Sonate einerseits noch ganz in der Virtuosität der tradierten Klavierformate, andererseits schon in der herrischen Extravaganz des vom Widmungsträger als Großmogul apostrophierten und ironisierten Genialikers daher. Bei Sokolov in einer Synthese aus metier-alerter Parkettsicherheit und gleichzeitiger Nonkonformität, die sich gelassen-heftig ausagierte. Integrierter Ausbruch mit exzellent realisiertem Klangvolumen in den tiefen, dicht gefügten Registern bei schwirrenden Verzierungsfolgen in der Höhe.

Wie immer bescherte Sokolov eine vollkommen beherrschte Dramaturgie, deren Generalnenner Ausformulierung bis ins letzte Detail auch bei den extrovertiertesten Ausbrüchen beinhaltet. Die Beiläufigkeit vieler der elf Sätze aus opus 119 geriet glänzend zu einer doch vorhandenen Form: Pianistische Bagatelldelikte, die sich in den letzten vier Sätzen in die Schwerverdaulichkeit transformierten.

Von Johannes Brahms standen nur späte Werke auf dem Programm. Die Sechs Klavierstücke op. 118 sowie die Vier Klavierstücke op. 119 präsentierte Sokolov ohne Unterbrechung hintereinander als zehnsätzige Klangfolge. Mit auffälliger Verve, mit starkem Klang und einer involvierten Artikulation, die vielen der Sätze eine offensive, manchmal fast der russischen Spätromantik eines Rachmaninow sich nähernde Note gab.

Der Habitus des späten Brahms, vier Jahre vor dem Tod des 64 Jahre alt gewordenen Komponisten als eines Versunkenen, schroffen und verschlossenen Gestalters, stellte sich nicht ein. Auch nicht eine nostalgische, trockene Sentimentalität, die mit den Werken sonst öfters durchaus vermittelt wird. Sehr dicht und insistierend das sechste der Klavierstücke aus opus 118 in seiner allgegenwärtigen Dies-Irae-Motivik, mit der einmal der nichtnarrative Duktus der Stücke aufgebrochen wurde. Aber auch hier, bei der Monothematik der alten Totenmesse, blieb Sokolov fern einer melancholisch ausformulierten, gar ins Schwarze gewandten Resignation.

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