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Grigory Sokolov beim Rheingau Musik Festival.
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Grigory Sokolov beim Rheingau Musik Festival.

Rheingau Musik Festival

Grigory Sokolov in Wiesbaden: Und dann Musik, die zur Ruhe kommt

  • VonTim Gorbauch
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Der Klaviereremit Grigory Sokolov hält eine Séance beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus.

Das Licht ist gedämpft, das Wiesbadener Kurhaus so voll besetzt, wie es derzeit eben möglich ist. Erwartungsvolle Stille liegt im Raum. Wird es ein Konzert? Oder doch vielleicht mehr? Eine dieser Sokolov-Séancen, von denen man sich raunend erzählt? Bei denen das reguläre Konzert nur eine Art Vorspiel ist für ein ausuferndes Zugabenfest, das improvisiert, im Moment erfunden und erfühlt wirkt und doch so genau kontrolliert und vermessen ist wie alles bei Grigory Lipmanovich Sokolov, diesem legendenumwobenen russischen Klavier-eremiten. Dem Alchimisten und Eigenbrötler. Der so gut wie keine Interviews gibt. Und sich hartnäckig weigert, ein Aufnahmestudio zu betreten.

Grollende Virtuosität

Sokolov gibt es nur live. Diesmal, beim Rheingau Musik Festival, wo er seit Jahren Stammgast ist, werden es zwei Stunden am Stück, ohne Pause. Es ist ein Abend in drei Akten. Chopin steht am Anfang, die Polonaisen op. 26, op. 44 und op. 53, in chronologischer Reihenfolge gespielt und nicht von Applaus zerschnitten – schon das ein gewaltiger musikalischer Kosmos. Nichts an diesem Chopin ist mechanisch. Sokolov ist ein Erzähler am Klavier, immer wieder wechselt er Tempo und Perspektiven. Mal singt er versonnen, mal vergräbt er sich in Basslinien, die kaum ein anderer Chopin-Pianist je präsenter nachgezeichnet hat. Größe und Pathos sind ihm nicht fremd, aber sie sind nie Selbstzweck. Seine Virtuosität ist eher grollend als glänzend. Die fis-Moll-Polonaise op. 44 etwa endet wie mit einem Hammerschlag.

Sokolov hat alle Fassaden hinter sich gelassen. Sergej Rachmaninows 10 Préludes op. 23, den zweiten Akt des Abends, verwandelt er geduldig in einen langen Fluss von unterschiedlichsten musikalischen Aggregatzuständen. Luzide, leuchtend die Eröffnung in fis-Moll, von tänzelnder, sich allmählich überdrehender Eleganz das Prélude in g-Moll, triumphal, mit fast untergründiger Gewalt das Maestoso in B-Dur. Und dann, zum Schluss, ganz versunken, enigmatisch, entrückt das Largo in Ges-Dur. Spätestens da ist sie: die Sokolov-Séance. Es ist Musik, die vor unseren Ohren zur Ruhe kommt und sich in der Stille verliert. Ein fantastischer Augenblick.

In den Zugaben, dem 3. Akt eines jeden Sokolov-Recitals, knüpft er zunächst genau da an. Später Brahms, das A-Dur-Intermezzo op. 118, auch das Musik, die förmlich der Welt abhanden gekommen ist und eine Wehmut in sich trägt, die sprachlos macht. Danach stürzt er sich wieder hinaus ins Weltgetümmel: Brahms, zweimal Chopin, die sagenhafte Sokolov-Trillerkunst in der Mazurka op. 68, 2. Man kann davon nicht schreiben, wirklich, man muss es mindestens einmal gehört haben.

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