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Grigory Sokolov in Frankfurt: Der einsame Prometheus

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Von: Bernhard Uske

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Der Pianist Grigory Sokolov mit einem wie immer erst in letzter Minute bekanntgegebenem Programm in der Alten Oper.

Bis zu dem Moment, in dem man in der Alten Oper Frankfurt das Programmheft in Händen hielt, war man im Unklaren gelassen worden, was der Gast bei Pro Arte, Grigory Sokolov, darzubieten gedachte. Ein schon häufiger wahrgenommenes Phänomen: Beweis dafür, dass der darstellende Künstler mittlerweile größere Bedeutung besitzt als die Werke, die er spielt. Was die betrifft, kauft man dann die Katze im Sack. Immerhin ist der Fetischcharakter des Solisten bei Sokolov, 1950 in Leningrad geboren, mit solch einer technischen Qualität und Deutungsdisziplin verbunden, dass man auch bei Werken, die man nicht mag, auf den Geschmack kommen könnte.

Es gab im gut besuchten Großen Saal deutsche Klassik und Romantik, wobei Beethovens „Fünfzehn Variationen mit einer Fuge für Klavier“ in Es-Dur op. 35 das ungewohnteste Werk waren. Das Thema und auch einen Teil seiner Verarbeitung kennt man in orchestraler Fassung als „Die Geschöpfe des Prometheus“ und aus dem Finalsatz der „Eroica“.

Das Moment des Tanzes kam bei Sokolov in dessen tempogedrosselter und stark auf die metrischen Schwerpunkte setzenden Interpretation entschieden zur Geltung. Ein gewichtiges, manchmal fast das Schwoofhafte und Groovende treffendes Spiel, das das Bild des Rundtanzes um den trikolorigen Maibaum mit seiner kollektiven Attitüde plausibel machte. Einschüsse subjektivistischer Manier gaben den prometheisch-titanischen Beethoven-Gestus dazu. Die griffig-folklorischen Verläufe wanderten dann, von Sokolov wunderbar gesteuert, in den Raum kreativer Individualität, die sich bis hin zum Ton einsamen Kreisens entwickeln konnten.

Jenseits aller Illusionen

Dieser Ton war bei den folgenden „Drei Intermezzi“ op. 117 von Johannes Brahms in toto gegeben. Sokolov spielte wie nach dem Ende aller Exaltationen und Illusionen, wenn sich das komponierende Ego mit seinen Beständen in weiten und nur noch mit wenig Klangmaterial gefüllten Räumen eingerichtet hat.

Grandioser Feinsinn, oft ausdruckslos, bestimmte auf fast befremdliche Weise zuletzt Robert Schumanns „Kreisleriana“. Hier traten die turbulenten Partien zurück und wurde das Disparate und Abschweifende stark gemacht. Die obligatorischen sechs Zugaben sind im Zeitplan der Sokolov-Konzerte bereits einkalkuliert: Man konnte punktgenau zur vorgesehenen Uhrzeit den Saal verlassen – mit Bachs Choralvorspiel „Ich ruf’ zu Dir, Herr Jesu Christ“ in Herz und Ohr.

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