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Grigory Sokolov im Kurhaus: Ein Schatz im Fluss der Zeit

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Von: Bernhard Uske

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Grigory Sokolov: Foto: Ansgar Klostermann/RMF
Grigory Sokolov: Foto: Ansgar Klostermann/RMF © Ansgar@Klostermann.net

Wieder hören, anders hören: Der Pianist Grigory Sokolov im Wiesbadener Kurhaus.

Die Erkenntnis des vorsokratischen Philosophen Heraklit, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, bestätigen die Konzertauftritte Grigory Sokolovs, der jeweils ein Jahr lang bei seinen Konzerten dasselbe Programm spielt. Steigerung der Perfektion und Intensivierung der Artikulation auf Seiten des Pianisten, und bei einem Publikum, das dem Pianisten mehrmals im Jahr begegnet, jene im Fluss befindliche Wahrnehmung, die das Gleiche zu einem Anderen macht.

Ermöglicht wurde das beim Rheingau Musik Festival, wo jetzt im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses jenes Programm geboten wurde, das Besucher des Sokolov-Konzerts im April bereits im Großen Saal der Alten Oper Frankfurts hören konnten.

Es war ein anderer Eindruck, der sich im engen Korridor dieses Programms klassisch-romantischer Solo-Literatur von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und Johannes Brahms ergab.

Am wenigsten galt das für das erste Stück, die „19 Variationen mit einer Fuge Es-Dur über ein eigenes Thema op. 35“, wie Beethovens „Prometheus“-Variationen amtlich heißen. Jener Zyklus, der im „Die Geschöpfe des Prometheus“-Ballett und im Finalsatz der „Eroica“ seine zentrale Rolle spielt. Anklang an den damals neuen französischen Ton, den keiner so innovativ subjektivierte wie sein Wiener Sympathisant. Sokolovs aufgeräumte, geradlinige Darstellung machte die Variationsmechanik als artistisches Vergnügen in herrlichen dynamischen Registern genauso evident wie in Frankfurt. Ihm folgte ein in der Erinnerung damals vagierender, ganz vor sich hin artikulierender später Brahms der 117er-Intermezzi mit zuletzt verdämmernden rhythmischen Abschweifungen und Taktverschiebungen.

Jetzt wirkte das alles handfester, gleichsam in hellem Licht und vor dem Hintergrund jüngerer Kollegen-Einspielungen regelrecht klassisch-ausdrücklich. Bei Schumanns „Kreisleriana“ war Sokolov auch schon in Frankfurt kein Gipfelstürmer und jungdeutsch Zerrissener in produktiver Verausgabung. Gleich war die phänomenale Stimmentransparenz im polyphonen Gewirke. Dafür kam einem die Zurückhaltung und gleichzeitige Festigkeit, die Faktur ohne massivere Ausdrucksbelichtung, noch größer vor.

Am Grunde des Flusses der Zeit aber ruht Sokolovs Schatz: unerhörte Plastizität jeden Details, Erfassung der Töne in ihrem kompletten Profil, formvollendet dem jeweiligen Kontext hingegeben. Der Fluss der Töne und die Wahrnehmung des Publikums gehen durch die tastenden Hände eines Stoikers.

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