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Grigory Sokolov im Großen Saal der Alten Oper. 

Konzert

Grigory Sokolov in der Alten Oper: Verschwiegene unter sich

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Grigory Sokolov spielt in der Alten Oper Frankfurt vor allem Brahms und ferner Mozart.

Ein Stück, das ist eine profane, zur Sache nichts weiter sagende Beschreibung. Gerne auch in abwertender Art gebraucht wie Stückwerk oder Miststück. Ohne Belang dann bei Kuchenstück oder Klavierstück. Letzteres nutzt Johannes Brahms für Klavierschöpfungen aus dem Jahr 1893: Klavierstücke op. 118, Klavierstücke op. 119, und seine Begründung ist bezeichnend: „...dass ich für das nichtssagende Wort Klavierstücke immer am meisten eingenommen bin, eben weil es nichts sagt.“ Diese Stücke sind Gegenstand der Auftritte Grigory Sokolovs, der jahreszyklisch je einen programmatischen Schwerpunkt setzt, der jetzt zum wiederholten Male diese insgesamt zehn Stücke dem Publikum auch in Frankfurt präsentierte.

Eine treffliche Repetition, haben doch sieben dieser Stücke noch obendrein keine andere Benennung als „Intermezzo“, also Zwischenspiel, was dreimal bedeutet, dass man Zwischenspiele zwischen Zwischenspielen zu hören bekommt. Das wäre für die Wahrnehmung kein Problem, wenn charakteristische, klangsprachliche, idiomatische und genrespezifische Profile erschienen. Bis auf eines der Stücke, wo sich das Motiv der lateinischen Totenmesse präsentiert, ist hier Fehlanzeige zu vermelden. So war der Charakter der zwischen Zwischenstücken zu spielenden Zwischenstücke trotz harmonisch und texturell durchaus markanter Gestalt schwer.

Sokolov bemühte sich um Deutlichkeit, ja, er ließ mächtige Akkordkaskaden auf das Auditorium niedergehen. Fast konnte man meinen, gerade an diesen offener wirkenden Stücken fange der 69-Jährige an, die pianistische Pranke zu zeigen. Natürlich: nichts hämmert, agitiert und echauffiert sich dabei. Sokolov ist wie Brahms ein Verschwiegener, ein zurückgenommener Künstler. Alle energetische Abfuhr geht über die Spitze der Finger, als federnder und nur in der Gewichtsklasse des Aufsatzes und Absprungs differierendem Angriff auf die Tasten. Donnern und Brausen wären brahms-abträgliche Illustrationen und Beeindruckungseffekte. So hat Brahms für seine Stückwerke hier einen Werkstückmeister gefunden.

Eine Verbrahmsung

Ob das für Wolfgang Amadeus Mozart auch gilt, dessen Werke den ersten Teil des Programms im Pro Arte-Sonderkonzert in der Alten Oper ausfüllten, bleibt offen. Bei „Präludium (Fantasie) und Fuge C-Dur KV 394“ war es vollkommen plausibel, das mozartischer Eloquenz abträgliche strenge Format entsprechend hart und vehement zu exekutieren mit starrem Ostinato und rauschenden Arpeggien. In der A-Dur-Sonate KV 331 dominierten Züge eines im Kreise geführten Gestus, der in seinem Charakter unbeweglich schien. War das, wie auch im a-Moll-Rondo KV 511, vielleicht der Versuch einer Verbrahmsung des immer allen gefällig sein wollenden, ewig parlierenden Musenboten?

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