"Klassik ist für mich gerade liebevoller im Ohr", sagt Techno-Produzent Marc Romboy.
+
"Klassik ist für mich gerade liebevoller im Ohr", sagt Techno-Produzent Marc Romboy.

Neues Musik-Genre

Grenzgänger willkommen

  • Arne Löffel
    vonArne Löffel
    schließen

Elektronische Musik und Klassik vereinen sich zu einem neuen Genre, Vorreiter sind das DJ-Duo Tale Of Us, Pianist Francesco Tristano oder Produzent Marc Romboy.

Die Deutsche Grammophon, das deutsche Flaggschiff unter den Labels für klassische Musik, hat einen bemerkenswerten Vertragsabschluss zu vermelden: Mit dem im Frühjahr veröffentlichten Album „Endless“ des italienischen DJ-Duos Tale Of Us hat das Label zwei Musiker verpflichtet, von denen die Stammkundschaft der Deutschen Grammophon wohl noch nie etwas gehört hat. Es sei denn, sie sind nach einer durchzechten Nacht auf der Partyinsel Ibiza zufällig in der After-Hour-Diskothek „DC10“ gestrandet. Hier gründet der weltweite Ruhm von Matteo Milleri und Carmine Conte, eben jenen Tale Of Us.

Der Leumund der Wahl-Berliner war bislang auf die Dance-Szene beschränkt – hier jedoch in großem Ausmaß: Das Londoner Magazin „Mixmag“ kürte sie 2015 zu den DJs des Jahres; die Leser von „Resident Advisor“ wählten das Duo 2016 auf Platz 3 der umkämpften DJ-Charts. Entgegen allen Erwartungen haben Tale Of Us ihr Debüt-Album aber nicht auf einem etablierten Elektronik-Label untergebracht, sondern sich für die Deutsche Grammophon entschieden.

„Wir haben uns als Musiker schon immer der klassischen Musik verbunden gefühlt“, erklärt Carmine Conte. Dass die Fans das Album wegen des ungewohnten Umfelds verpassen könnten, fürchte er nicht. Im Gegenteil. Die Deutsche Grammophon habe eine Offene, interessante und interessierte Hörerschaft. Und den berühmten Blick über den Tellerrand traut er den eigenen Anhängern genauso zu. „Unsere echten Fans wissen, dass unsere Musik immer mehr war als nur Dance“, sagt Conte. In den DJ-Sets von Tale Of Us sei es immer um das transzendente Gefühl zwischen Träumen und Wachen gegangen.

Dieses Verständnis von Musik teilen Tale Of Us mit immer mehr Künstlern aus Klassik und Elektronik, was die Grenzen zunehmend verwischt: Bereits 2005 hat Detroit-Techno-Guru Jeff Mills mit dem Montpelier National Orchestra ein technoides Album eingespielt. Einen Schritt weiter gingen in jüngerer Vergangenheit einige Komponisten elektronischer Musik, die sich an selbstgeschriebener orchestraler Musik versuchten. Zum Beispiel Henrik Schwarz. Oder es wurde irgendwas zwischendrin, so wie die betörenden Auftritte des klassischen Pianisten, Elektro-Produzenten und DJ Francesco Tristano. Oder das alljährliche Music Discovery Project des HR-Sinfonieorchesters.

Gerade hat Tristano zusammen mit Carl Craig und dem Pariser Orchester Les Siècles mit „Versus“ ein weiteres konzertantes Album aufgenommen. „Bei solchen Alben geht es nicht einfach darum, ein klassisches Orchester Techno spielen zu lassen“, sagt Tristano. Immer wieder dieselben Töne zu spielen, repetitive Musik, sei einem gut ausgebildeten Orchestermusiker an sich gar nicht zumutbar. „Die ersten Minuten spielen die Musiker noch korrekt, dann wird es im Laufe der Zeit auch immer ungenauer. Das ist einfach zu langweilig“, so Tristano. Die Herausforderung liege darin, das gesamte Orchester einzubinden und erst im Gesamtbild die Hypnotik von Techno zu entfalten. Eine Aufgabe, die nur durch Komposition, nicht aber durch Produktion von Musik gelöst werden könne.

Obwohl der Grenzgang zwischen Dance, Deep House, Ambient und Klassik also nichts Neues ist, ist die Zusammenarbeit von Tale Of Us mit der Deutschen Grammophon bemerkenswert. Allein deshalb, weil Conte und Milleri gar nicht erst versuchten, zwei Welten miteinander zu verschweißen oder ein Orchester Techno spielen zu lassen, sondern weil sie einen eigenen Subkosmos schaffen. Sie haben ein vielschichtiges Album produziert, dessen Heimat nicht unbedingt ein Klassik-Label hätte sein müssen, sondern das auch jedem intelligenten Elektronik-Label gut zu Gesicht gestanden hätte. „Endless“ arbeitet mit kristallklaren, zum Teil klirrenden synthetischen Sounds, mit ausschweifenden Piano-Melodien und weiten Streicher-Flächen. In seiner skulpturalen Architektur erinnert es stark an Alben von The Future Sound Of London, The Orb oder Soma.

Diese Mischung hat auch die Manager der Deutschen Grammophon angesprochen. „Wir fanden ihr Albumkonzept an der Schnittstelle von elektronischer Musik, Ambient und Klassik sOfort überzeugend“, sagt Christian Badzura, Director New Repertoire bei der Deutschen Grammophon. Veröffentlichungen in diesem Bereich seien nicht unbedingt selten, müssten aber immer höchste Qualität und Einzigartigkeit haben. Neben Tale Of Us hat die Deutsche Grammophon mit Max Richter und Jóhann Jóhannsson bereits bedeutsame Vertreter dieses Genres im Programm.
Aber welches Genres denn nun überhaupt? „Um das aktuelle Phänomen der Popularisierung dieser Musik zu beschreiben, gibt es diverse Termini wie Post- oder Neo-Klassik. Aber keiner trifft es wirklich“, sagt Badzura. Welche Begrifflichkeit sich durchsetzt, ist an sich aber gar nicht wichtig. Schließlich hatten streng sortierte Musik-Schubladen Relevanz, als sich Kunden noch im Schallplattenladen zurechtfinden mussten. Heute, da zu jedem Stück im Internet endlos viele Tags vergeben werden können, wird die Kategorisierung zunehmend irrelevanter.

Der Fall der Genre-Grenzen bringt künstlerische Freiheit mit sich, findet Badzura. Die unter anderem von Volker Bertelmann, besser bekannt als Hauschka, formulierte Kritik, Neo-Klassik sei „ein Auffangbecken für Weichspüler“, teilt er Offenkundig nicht. „Einige Komponisten haben wieder Mut, tonale Musik und Melodien zu schreiben. Für Vertreter der Avantgarde, die Musik danach beurteilen, ob sie im Sinne von Adorno dem ,Stand des Materials‘ entspricht, mag das wie ein Rückschritt anmuten. Musik muss aber nicht atonal klingen, um zeitgenössisch und progressiv zu sein und den Nerv unserer Zeit zu treffen. Auch in der Bildenden Kunst gibt es wieder einen Trend weg von der Abstraktion und hin zur Gegenständlichkeit.“

Labelmanager wie Bazura beobachten ganz genau den Markt, der in diesen Tagen in Bewegung zu sein scheint. „Eine Öffnung der Hörer von traditioneller Klassik und von neuem Repertoire für das jeweils angrenzende Genre ist durchaus zu beobachten. Wir bemerken im Hinblick auf die Musikrezeption der nachkommenden und digital affinen Generation eine signifikante Schnittstelle zwischen Indie und elektronischer Musik, dem neuen klassischen Repertoire sowie zum traditionellen klassischen Repertoire.“

Andererseits stelle das Label auch durch die Analyse der Nutzerdaten von Streaming-Plattformen fest, dass Hörer, die zum Beispiel über Max Richter oder Joep Beving zur Deutschen Grammophon kommen, sich dann mit Arvo Pärt oder Philipp Glass beschäftigen und später nicht selten bei Satie, Bruckner oder dem spätem Liszt anlangen. Analog zu Badzuras Beobachtungen ist auch eine Öffnung in der elektronischen Musikszene für andere Genres zu beobachten. „Und das freut uns im Team natürlich alle sehr, denn wir im Label sind in erster Linie Musikliebhaber und möchten in den unterschiedlichen Bereichen von klassischer Musik ein interessantes Portfolio für unsere Fans gestalten.“

Diese Bewegung im Markt lässt sich nicht nur an Werken wie dem „Endless“-Album von Tale Of Us beobachten, sondern auch daran, dass sich schon fast altgediente Techno-Produzenten wie Marc Romboy immer mehr für Klassik interessieren. Romboy hat hierfür mit Hyperharmonic sogar ein Neo-Klassik-Label gegründet, auf dem er unlängst sein Studioalbum „Voyage de la Planète“ veröffentlichte. Ein Album, an dem auch Konzertmeister Miki Kekenji und ein Streicherquartett beteiligt sind.

Im Juli erscheint hier „Reconstructing Debussy“, eine Kollaboration Romboys mit den Dortmunder Philharmonikern. Zu hören sind unter anderem drei Sätze von „La mer“ und „Prélude à l’après-midi d’un faune“. Vertrieben werden die Hyperharmonic-Scheiben von ompakt, einen hochwertigen Techno-Outlet, mit dem Romboy seit Jahrzehnten zusammenarbeitet.
Für Romboy ist die berufliche Hinwendung zur Klassik eine Fortsetzung seiner sich wandelnden privaten Präferenzen. „Ich habe die elektronische Musik von Anfang an begleitet und seit den 90er Jahren auch mitgestaltet. Ich war schon in den 80ern fasziniert von den Sounds und der Produktionsweise“, berichtet er. Nun entdecke er im gesetzten Alter zunehmend die Klassik für sich – und erlebe wieder den Moment des Ungehörten, den er als Teenager so an der elektronischen Musik, der Chipmusik, geschätzt habe. „Das nun in meiner Musik zu vereinen, ist für mich gerade besonders spannend. Der Austausch mit den gelernten Musikern ist für mich als Produzent natürlich auch besonders spannend.“ Er glaubt nicht, dass elektronische Musik an sich ausgedient haben könnte, sieht bei Labels wie Pampa oder Isolée noch großes Kreativpotenzial. „Aber Klassik ist für mich gerade liebevoller im Ohr.“ Das sei vielleicht auch eine Frage des Alters. Romboy ist in den 40ern.

Obwohl die Fans von Tale Of Us mehrheitlich Twentysomethings sein dürften, glaubt Conte nicht, dass das Album auf dem noch szenefremden Label untergehen könnte. Denn Conte hat eine beruhigende Nachricht für alle, die sich trotz des großen Potenzials der Neo-Klassik eher zum DC10 als der Berliner Philharmonie hingezogen fühlen: „Es wird ein Remix-Album geben. Wer remixt, kann und darf ich noch nicht sagen.“ Aber spätestens nach Erscheinen der Endless-Remixe könnten im DC 10 auch Platten von der Deutschen Grammophon aufgelegt werden. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare