Gregory Porter in der Alten Oper. 
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Gregory Porter in der Alten Oper.  

Alte Oper

Gregory Porter in Frankfurt: Getauft unter Klang

  • vonMarcus Hladek
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Gregory Porter liebevoll in der Alten Oper.

Der „Daily Telegraph“ nannte Gregory Porter, diesen Zwei-Meter-Schmusebär der Vocal-Jazz-Szene der USA, einmal den „seltsamsten (oddest) Popstar des Planeten“. Das Seltsame ist seinem Erkennungszeichen geschuldet, einer Ballonmütze mit Schal, die er anfangs nur trug, um alte Narben zu verdecken, wobei die englische Marke Kangol schon Marschall Montgomery und die Beatles, Lady Di, Eminem, Jay Leno und Samuel L. Jackson zierte. Gar nicht zufällig ist hingegen Porters Status als Popstar, denn er hat ihn sich von Kindesbeinen an als Sänger in der Kleinstadtkirche von Bakersfield, wo die Mutter Pastorin war, erarbeitet.

Ein Rundum-Football-Stipendium hätte der Musik als erster Liebe fast noch den Garaus gemacht, doch fuhr ihm eine einsichtige Muse gnadenvoll in die Schulter und zeigte ihm jenen Weg, der heutige Kritiker von einer cremig-sanften Stimme schwärmen lässt, die dick und sämig über einen reichen Teig aus saftigen Melodien fließe und dem Hörer das Gefühl vermittle, zuhaus zu sein.

Die Stichwörter Wunderkind und Vorbestimmung fielen im ausverkauften Großen Saal der Alten Oper schon, als der blind geborene Matthew Whitaker den Saal vorglühte. Noch keine 19, zauberte er an Flügel und Orgel, was das Zeug hielt. Dann war es aber auch gut.

Drei der elf folgenden Titel Porters stammten vom angekündigten sechsten Album „All Rise“, so auch „If Love Is Overrated“, ein Lied, das den Dur-Schlüssel fürs autobiografische Album-Thema vorgab: die Liebe, himmlisch wie irdisch. Mitgebracht hatte er seine übliche Begleitband, was das Konzert im Vergleich zur Studiobesetzung fast unplugged auf Jazz-Mainstream mit Gospel und Rhythm’n’Blues festlegte. Mit Flügel und Keys, Kontrabass, Tenorsaxophon, Schlagzeug und Hammondorgel hatte es sich. Emanuel Harrold sicherte den Herzschlag, Jahmal Nichols stärkte die Bassstimme, der kleine Tivon Pennicott glänzte am Tenor und Chip Crawford am Piano, dazu Ondrej Pivec an der Orgel.

Leib-Instrument des Abends war natürlich Porters samtiger Bariton, den er in „Painted On Canvas“ vorwärmte für die Liebesbotschaft des Abends, die laut Porter kein Aufstehen vor Großkopferten wie dem Präsidenten meint, sondern: Keiner wird zurückgelassen, alle seien gemeinsam erhöht!

Kaum jemand singt so viel über Musik und setzt sie so mit Liebe und Menschlichkeit gleich wie Porter. Verse wie „Watch your technique as you go“ sind auch ethisch gemeint. „On My Way to Harlem“ ging die Sache noch langsam an: Porter musste fast ohne Vater auskommen, singt aber liebevoll vom Klang der Trompeten, unter dem er getauft wurde.

„If Love Is Overrated“ zeigte ihn als Songschreiber von Wortwitz, der sich als Narr verkauft, wenn man die toxische Trump-Gegenwart für Weisheit hält: sein Lob der Torheit aus Bakersfield, Cal. Ebenso überzeugend dann „Musical Genocide“, ein Song, der fast brechtisch mit „I do not agree“ beginnt und den Blues als Spiegel der Welt anbietet. Dem süßen Liebeslied „Insanity“ folgten die Quasi-Bergpredigt „Take Me to the Alley“ und „Hey Laura“, zum Runterkühlen dann der kraftvoll-dynamische Steineklopfer-Titel „Work Song“. Schönes Konzert.

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