Und wer von ihnen ist der große Harry? Foto: Samuel Huwyler Humus Artwork

Eine Art Jazz

The Great Harry Hillman: „Live At Donau115“ – Über undefinierten Metren

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Ist das Jazz, was die Band The Great Harry Hillman da spielt?

Auch der Musikbetrieb braucht eine Ordnung, und sei es, um im Markt halbwegs überschaubar zu erscheinen. Seit einigen Jahren hat sich eingebürgert, experimentelle Angelegenheiten einem erweiterten Jazz-Begriff zuzuordnen, wenn sie von irgendwo her kommen und eine unbekannte, ständig sich erweiternde Zahl von klanglichen, rhythmischen, idiomatischen, harmonischen und anderen Einflüssen aufweisen und keinen großen Wert auf Klarheit in Punkto stilistischer Zuschreibung legen, dafür aber umso mehr auf Eigensinn. Die so genannte Jazzpolizei hat mittlerweile aufgegeben zu widersprechen, und das Jazz-Publikum ist am ehesten in der Lage, mit solcherlei Neuigkeiten und unbekannten Entwicklungen zu leben.

Behaupten wir also, dass die Band „The Great Harry Hillman“ eine Art Jazz gespielt hat, als sie ihr neues Album „Live At Donau115“ an drei Abenden aufgenommen hat. Man könnte auch andere Wörter dafür suchen und finden, etwa „Post Jazz“, „Beyond Jazzrock“ oder „Silent Noise“. Stimmt alles irgendwie.

Das Album The Great Harry Hillman: Live at Donau115. recordJet.

Die Band gibt es seit über einem Jahrzehnt, was bei dem Durchschnittsalter des Quartetts erstaunt. Sie hat ihre Homebase in Luzern, und weil die Wohnorte der vier Musiker unterschiedlich entfernt davon liegen, fallen die Begegnungen zur gemeinsamen Weiterarbeit immer sehr arbeitsintensiv aus. Es kann sein, dass sich die Klang-Konzepte, denen die Band nachgeht, jedes Mal ein wenig ändern. Andererseits ist jedes Stück mit eigenen Klangideen ausgestattet, aber eine innere Verwandtschaft bleibt doch erkennbar oder spürbar.

Es herrscht keine Hektik, sondern ruhige Tüftel-Atmosphäre und zugleich eine kreative, suchende Unruhe. Auf lange, virtuose Berg-und-Tal-Touren wird verzichtet. Es gibt eine meistens sehr verzerrte und immer eigenartig überraschende Gitarre (David Koch), einen leise und feinsinnig über undefinierte Metren klangreich und gewebehaft groovenden Schlagwerker (Dominik Mahnig), einen Bläser, der unvorhersehbar mit der Bassklarinette kleine, freundliche Überfälle von verschiedenen Seiten inszeniert (Nils Fischer), und einen Bassisten, der immer irritierend genau weiß, was von ihm verlangt ist und verlässlich etwas anderes tut (Samuel Huwyler).

So entstehen aus verschiedenen Komponenten in unvorhersehbare Richtungen sich entwickelnde Sound-Bänder mit wechselnden Texturen, die gleichermaßen nach Forschungsarbeit klingen wie nach intensiven und unruhigen Auseinandersetzungen mit einer breiten Palette von Einflüssen. Man kann das avantgardistisch finden oder lustig oder erstaunlich oder alles zusammen.

Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass Harry Hillman, dessen Andenken die Band sich verpflichtet zu fühlen scheint, kein Musiker war, sondern ein Hürdenläufer, der im Jahre 1904 – also 105 Jahre vor der Gründung des Quartetts – drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen gewann, und dass das aktuelle Album das vierte ist, das die Band eingespielt hat und das erste Live-Album. Und dass ihr vermutlich umjubelter Auftritt auf der Jazzahead in Bremen am 25. April leider ausfallen musste.

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