Renaud Capuçon, Violine, Gautier Capuçon, Violoncello, Frank Braley, Klavier.
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Renaud Capuçon, Violine, Gautier Capuçon, Violoncello, Frank Braley, Klavier.

Rheingau Musik Festival

Ein Ohr für Grazie und Spielwitz

  • vonTim Gorbauch
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Erinnerungen an Prades mit Pablo Casals: Frank Braley und die Brüder Capuçon beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisburg.

Man kann sich Prades nur als Idyll vorstellen. Ein kleines, abgeschiedenes Städtchen in den südfranzösischen Pyrenäen, in dem die Zeit wie stehen geblieben scheint. Hierhin emigrierte 1939 der schon damals legendäre Cellist Pablo Casals, auf der Flucht vor dem Franco-Regime in seiner spanischen Heimat. 1950 initiierte Casals in Prades ein eigenes kleines Musikfestival, bei dem nie nur Musik verhandelt wurde, sondern viel mehr: die Idee von Humanität. Jeder, der einmal dort war, der einmal hörte, wie Casals gemeinsam mit David Oistrach, Julius Katchen, Rudolf Serkin oder Mieczyslaw Horszowski Kammermusiken von Bach, Mozart, Brahms, Schubert und natürlich Beethoven spielte, spricht von einer spirituellen Erfahrung weit über die Musik hinaus.

Einer, der es wissen muss, einer, der nach Prades reiste, war Michael Herrmann, Gründer und Leiter des Rheingau Musik Festivals. 1964 das erste Mal, mit gerade mal 20 Jahren. Es war seine erste Reise in den Süden und auch überhaupt seine erste Begegnung mit der Kammermusik. 1965 fuhr er wieder hin, 1966 auch. Die Vision, einmal selbst ein eigenes Musikfestival zu erschaffen, eines in seiner Heimat, mit der Kammermusik als Epizentrum, sagt er, diese Vision wurde damals geboren.

Nun erfüllt sich Herrmann einen neuen Traum. Auf Schloss Johannisberg werden vier Konzerte mit genau dem Programm gespielt, so wie es Herrmann einst in Prades hörte. „Erinnerungen an Prades“ nennt er den kleinen Konzertzyklus, den nun die Brüder Renaud und Gautier Capuçon gemeinsam mit Frank Braley eröffnen. Bachs A-Dur Sonate für Violine und Cembalo, Schuberts Es-Dur-Trio op. 100, zudem Beethovens gewaltige Kreutzer-Sonate. Am 30. Juli 1966 spielten das in Prades Pablo Casals, David Oistrach und der viel zu früh gestorbene und deshalb so unterschätzte amerikanische Pianist Julius Katchen. Ein Gipfeltreffen muss das gewesen sein. Doch auch bei Braley und den Capuçons ist die Musik in besten Händen.

Die instrumentale Lyrik von Schuberts fantastischem Trio, diese tief romantische, das Wanderermotiv umspielende Idee, die Robert Schumann einen „Seufzer“ nannte, „der sich bis zur Herzensangst steigern möchte“. Dann die Sprengkraft von Beethovens Kreutzer-Sonate, diese Musik gewordene Sehnsucht nach Freiheit. Renaud Capuçon findet dafür einen ganz adäquaten Geigen-Ton, berstend oft, voller Binnenspannung, aber – und das ist wichtig: die Intensität kommt immer von innen, aus der Musik heraus. Und er hat immer auch ein Ohr für Grazie und Spielwitz. Und mit dem Pianisten Frank Braley einen Partner auf Augenhöhe, wie sie die emphatische Idee von Kammermusik, als ein Gespräch unter Gleichen, seit je braucht.

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