AnnenMayKantereit

Grandios unperfekter Auftritt in der Frankfurter Festhalle

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Und maximal bewegend: AnnenMayKantereit beim „größten Konzert, das wir je in Frankfurt gespielt haben“.

Sie fahren auch zusammen in Urlaub, sagt Henning May. Sie komponieren auch im Urlaub, und weil Schlagzeuger Severin Kantereit da kein Schlagzeug mitschleppen kann, weil er einen Koffer als Basstrommel benutzt, klopft er das Lied „Vielleicht vielleicht“ beim Konzert in der Frankfurter Festhalle halt auch auf seinem Koffer. Aber nur kurz, kleiner Gag. Nein, kein Gag – eher eine Erinnerung daran, was das hier ist. Das hier ist eigentlich ein Clubkonzert unter Freunden. Nur dass eben zehntausend Freunde dabei sein wollten.

„Guten Abend, wir sind AnnenMayKantereit, und das ist das größte Konzert, das wir je in Frankfurt gespielt haben.“ Es klingt ein wenig ungläubig, so, als ob sie das zurzeit jeden Abend sagen würden, und so, als wären sie jeden Abend wieder überwältigt: Mann, das sind wir, das sind riesige Hallen! Und alle, alle ausverkauft, die ganze Tournee, die Festhalle, heute Abend die Schmeling-Halle in Berlin, im Mai drei Konzerte am Stück in Wien, im August noch zwei in Berlin – alle ausverkauft. Und hochverdient. „Die Vögel scheißen vom Himmel“, so fängt das jüngste Album der Band an, so beginnt auch das Konzert. Alle singen mit. „Die Vögel scheißen vom Himmel/Und ich schau dabei zu/Und ich bin hier und alleine/Marie, wo bist du?“ Die Bühne wie aus Trotz winzig klein in der riesigen Halle. Später wird sie größer werden, nur nach hinten hin, drüber eine Projektionsfläche aus fliehend aufgehängten Din-A4-Zetteln, über allem: diese Stimme.

Man glaubt kaum, dass sie aus dem Körper des 27-jährigen Henning May kommt. Sie tut es ja nicht erst seit gestern, es gab sie ja schon, da waren May, Kantereit und Gitarrist Christopher Annen noch Kölner Schüler. Jetzt sind sie Stars, jetzt könnte May zehn Jahre lang seine Rechnungen bezahlen, ohne einen Finger krumm zu machen, und noch immer hört man ihm zu und fragt sich: Wie kann so ein junger Typ, der ein wenig ungeschlacht über die Bühne tänzelt, so eine Seebärenstimme haben?

Was die Band spielt, seit fünf Jahren mit Malte Huck am Bass, auf Tour auch mit Ferdinand Schwarz an der Trompete, das ist grandios unperfekt. Das 2016er Album nahmen sie live auf, jedes Lied in einem Rutsch, das 2018er nicht, aber es hat immer noch dieses Flair: Tape-ein-und-ausschalt-Geräusch, Gitarrensaitenrutscher, kleines Rauschen. Auf der Bühne machen sie keinen Schnickschnack, kein übertriebenes Lichtzeug. Die Musik wirkt, vor allem nach innen.

Wie „Schon krass“ wirkt, ein Lied übers Von-den-Drogen-nicht-mehr-Wegkommen, wenn Zehntausend mitsingen, das ist schon krass. Wie „Weiße Wand“ wirkt, ein Lied über Deutschland, eines der wenigen, die sich politisch deuten lassen, noch krasser. Lang nicht mehr so ergriffen worden auf einem so großen Konzert. „Bitte wählen gehen“, sagt Annen danach mit Blick auf Europa.

Annen, May, Kantereit und Huck spielen Lieder, die selten explizite Tanzaufforderungen sind, aber immer ein Antrag zuzuhören. „Sieben Jahre“, ein Lied über zwei Leute, die die Freunde vor sieben Jahren verloren haben, mit der Zeile: „So was kriegst du ausm Herzen nich mehr raus“. Und „Hinter klugen Sätzen“ mit der Zeile: „Ich versteck’ mich hinter klugen Sätzen/Ziehe Konsequenzen, die gar keine sind“.

Am Ende was zum Tanzen: „Ich geh heut nicht mehr tanzen“, und alle rasten aus. Ein großer Abend, ein kluges, freundliches, überwiegend weibliches Publikum, eine relativ ernste Band für ihr Alter. „Freizeit und Geld brauche ich jetzt gerade nicht“, hat May der „Zeit“ im Dezember gesagt, „ich wäre einfach gerne wieder verliebt.“ Wie gesagt, 27.

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