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Daniel Johnston hat viel Kritik für sein neues Album von seinen Fans geerntet.

Daniel Johnstons "Is And Always Was"

Grandios gescheitert

"I´m just a psycho trying to write a song", singt Daniel Johnston im ersten Titel seines neuen Albums "Is And Always Was". Dieser Psychopath, der nur ein Lied schreiben will, ist ein Phänomen mit bipolarer Störung. ( mit Video)

Von Thomas Winkler

Kennen Sie den? Kann nicht Gitarre spielen, aber Tausende wollen ihm zuhören. Trägt Jogginghosen, aber stellt in den berühmtesten Museen der Welt aus. Kann nicht singen, aber Kollegen verehren ihn. Ist Ende Vierzig, sieht aus wie bald Sechzig, aber wohnt wieder bei seinen Eltern im Keller. Wenn sie Daniel Johnston nicht kennen, dann kennen sie sicher jemanden, der ihn für großartig hielt oder noch hält. Kurt Cobain zum Beispiel. Oder Tom Waits, der Songs von ihm gespielt hat. So wie Pearl Jam, Sonic Youth, Wilco, die Flaming Lips und hunderte weiterer Bands.

Doch wer ist Daniel Johnston? Fragen wir ihn selbst: "I´m just a psycho trying to write a song", singt Johnston im ersten Titel seines neuen Albums "Is And Always Was". Dieser Psychopath, der nur ein Lied schreiben will, ist ein Phänomen. Seine Fans verehren ihn für seine erschreckend ehrlichen Songs und seine kindlichen Zeichnungen ebenso wie für eine tragische Karriere, die seine Kunst erst mit einer wuchtigen Authentizität ausstattet.

Schon als Jugendlicher zeigt der mittlerweile 48-jährige Talent, aber auch erste Anzeichen seiner psychischen Erkrankung. Er macht Musik, dreht Super-8- und Trickfilme, zeichnet, nimmt Hörspiele auf. Doch immer, wenn er auf dem Sprung zur Berühmtheit scheint, bricht seine bipolare Störung aus. Andererseits sorgen die manisch-depressiven Schübe für eine unglaubliche Produktivität, allein einer unglücklichen Liebe aus College-Tagen schreibt er hunderte Songs.

Daniel Johnston "Is and always was", Madison WI, 12. August 2009

Wenn er nicht an seiner labilen Psyche scheitert, dann schlicht an den Marktgesetzen: Als Nirvana-Sänger Kurt Cobain monatelang bei jedem Auftritt ein Johnston-T-Shirt trägt, bekommt der glatt einen Plattenvertrag bei einem Unterhaltungskonzern, der ihn aber sofort feuert, als das Album vom Mainstream mit Unverständnis aufgenommen wird und sich nur 5800 mal verkauft.

All die Jahre schwankt Johnston zwischen zerstörerischen Selbstzweifeln und Größenwahn. Er nimmt, gerade in die Psychatrie eingewiesen, Kontakt auf zu Yoko Ono und fordert, die Beatles mögen sich wiedervereinigen, um ihn als Backing Band zu begleiten. Denn seine Songs, von denen er tausende auf Musikkassetten mit selbstgezeichneten Covers herausgebracht hat, klingen für ihn mindestens so großartig wie die der von ihm verehrten Pilzköpfe. Für andere aber sind es mit Rhythmus und Harmonien kämpfende, mit Nichtstimme vorgetragene Dokumente einer geplagten Seele. Hier öffnet sich ein Mensch, der die Hölle gesehen hat, ohne jede Hemmung dem Betrachter.

Obwohl er einige Semester Kunst studiert hat, ist seine Kunst unverstellt von geschmacklichen Bedenken und theoretischem Ballast. Ohne jede Selbstabsicherung singt Johnston von seinen Ängsten und der Hoffnung auf die rettende Liebe, er zeichnet die Dämonen, die ihn verfolgen, und die Superhelden, die ihm zur Hilfe kommen. Mit Songs und Zeichnungen nimmt uns der ergraute Johnston mit in seine kindliche Psyche, in "diese andere Welt", wie er sie in dem großartigen Dokumentarfilm "The Devil and Daniel Johnston" nennt.

Mit "Is And Always Was" wird der Blick auf diese Welt nun systematisch verstellt. Stattdessen reklamiert Produzent Jason Falkner, er habe Johnstons Songs endlich so aufgenommen, wie der Verfasser sie selbst hören würde. Wenn dem so ist, dann hört Johnston den satten Sound einer kompletten Rockband. Den Großteil der Instrumente hat der in Diensten von Paul McCartney, Beck oder Air bekannt gewordene Falkner selbst eingespielt, den Rest renommierte Studiomusiker. Die Songs klingen nicht mehr wie Fragmente, sondern nach Punk und Indierock, nach Bluesrock und manchmal sogar ein wenig nach den Beatles.

Falkner hat dafür nicht nur Zustimmung geerntet. In Foren stellen Fans fest, dass sie nicht mögen, was er mit ihrem primitiven Helden angestellt hat. Schließlich speist sich ihre Bewunderung vor allem aus der Sehnsucht nach dem Unverfälschten. Tatsächlich ist Falkners Verfahrensweise ambivalent. Einerseits kann man seiner Argumentation folgen, den Songs von Johnston Gerechtigkeit angedeihen zu lassen.

Andererseits aber kann man die Kritik der Anhänger verstehen, Johnston würde seiner Einmaligkeit beraubt. Ein symptomatisches Beispiel ist das ein Vierteljahrhundert alte "I Had Lost My Mind": Einst ein fragiles Bekenntnis, macht Falkner daraus eine zwar kaum achtzig Sekunden kurze, dafür umso kreischendere E-Gitarren-Orgie, durch die sich Johnstons erstaunlich selbstbewusste Stimme bohrt.

Die Idee, Wahnsinn ausgerechnet mit verzerrten Gitarren zu vertonen, mag arg platt wirken, fügt sich allerdings passgenau in Johnstons Werk, das von Naivität geprägt ist. Inmitten diesem soliden Rock fällt noch deutlicher auf, dass Johnston nicht singen kann. Dass er sogar stark lispelt. Immer wieder bricht seine Stimme und weigert sich, in vorgesehene Höhen aufzusteigen.

Man kann sagen, gerade dieses Unperfekte bewahrt den letzten Rest Authentizität. Aber vielleicht wäre es, aus der Sicht Falkners jedenfalls, konsequent gewesen, nicht nur Studiomusiker zu engagieren, sondern gleich einen professionellen Sänger.

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