+
Benjamin Appl in Schloss Johannisberg. Foto:

Rheingau Musik Festival

Graf Almaviva, nein, Benjamin Appl singt Schubert

  • schließen

Der hochgelobte Bariton Benjamin Appl debütiert in Schloss Johannisberg und weiß zu erstaunen.

Auch wenn es keine gesicherte Erkenntnis darüber gibt, wie Menschen sich das äußere Erscheinungsbild eines Baritons vorstellen, so dürfte Benjamin Appl der noch so vagen Idee davon nicht entsprechen. Ein besser geeigneter Graf Almaviva lässt sich jedoch nicht denken – die Partie in Mozarts „Figaro“ ist eine seiner Paraderollen, wie man liest. Hier muss der Kontrast zwischen sonorer Stimmlage und feschem, jugendlich-zartem, bei Bedarf ins Leichtpinselige neigendem Äußeren traumhaft wirken, wobei Appl immerhin vor kurzem 37 geworden ist. Auch ist seine Stimme, zeigt sich sodann, tatsächlich nicht sehr groß und von mäßiger Durchschlagskraft. Kultur, Schönheit und eine glänzende Technik, die die Möglichkeit des Größerwerdens beinhaltet, ohne darauf Druck auszuüben, sind aber blendende Alternativen. Erst recht für einen Liederabend, mit dem sich der gebürtige Regensburger (und ehemalige Domspatz) jetzt beim Rheingau Musik Festival in Schloss Johannisberg vorstellte.

Das Programm heißt „Franz Schubert: Eine Dichterreise im Lied“, an sich eine verrückte Sache, weil die Liederauswahl nach den heutigen Bundesländern – mit Blick auf die verschiedenen Wohn- und Wirkungsstätten des Komponisten – ausgewählt wurden. Außer einem landespatriotischen Aufseufzen, als die Reihe an Hessen kam, führte das nicht wirklich zu sehr viel. Auf einem Ständer stand ein Block mit den Landeswappen, so dass Appl uns weiterblätternd auf dem Laufenden halten konnte, während sein Pianist Graham Johnson für die Passagen kleine Schubert-Potpourris spielte.

So harmlos diese Anlage, so exquisit aber die Auswahl. Kaum Balladen, viel Inniglichkeit, die ganz schlicht daherkommen soll, und im beiläufigen Brillieren erwies sich Appl als Meister. „Im Frühling“ D882 auf einen harmlosen Text von Ernst Schulze oder – eigentlich tragisch – „Du liebst mich nicht“ D756 auf August von Platen sind Nummern von kunstvoller Natürlichkeit. Und bei Appl klang es nicht nur leicht, es sah sogar leicht aus. Nicht immer folgte Pianist Johnson ihm in die Feinstheiten seines Vortrags.

Appl bot zahlreiche selten gehörte Lieder – gewiss auch eine Frucht seiner Programmidee, aber wohl ebenso des Kontaktes zu Dietrich Fischer-Dieskau, dessen später (spätester) Schüler er war. Wenn er zu Hits kam, ließ er seine Konkurrenzfähigkeit hören, mit „Der Einsame“ (Meckpomm), „Auf dem Wasser zu singen“ (NRW), „Der Lindenbaum“ (Sachsen-Anhalt) und sogar beim „Prometheus“ (Hessen), der womöglich gerade dadurch, das sich der Sänger zur Wucht aufraffen musste, umso menschlicher erschien. Ja, wie Fischer-Dieskau war auch Appl ein Sänger, kein Leidender, Erlebender. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion