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Sie ist einen großen Schritt weiter: Kim Gordon. 

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Kim Gordon: „No Home Record“ – In der Tiefe der Schichten

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Kim Gordon ist einen Schritt weiter und hat Sonic Youth und den Noise-Rock hinter sich gelassen.

Sonic Youth waren schon lange Geschichte, die einstigen Avantgardisten genügten sich in der Pflege ihres Mythos, als die Bassistin Kim Gordon nach dreißig Jahren Band und 27 Jahren Ehe die Scheidung von ihrem Bandkollegen Thurston Moore einreichte. Sie hatte herausgefunden, dass er sie mit einer anderen Frau hinterging. Ihre schmerzlichen Erfahrungen hat die langjährige New Yorkerin in der 2015 veröffentlichten Autobiografie „Girl in a Band“ öffentlich gemacht. Die Musikerin, die von der bildenden Kunst kommt und dort auch immer verhaftet geblieben ist, ging wieder nach Los Angeles zurück, die Stadt, in der sie aufgewachsen war. Sie spielte ein paar Nebenrollen in Filmen, unter anderem bei Gus Van Sant, und sie malte wieder mehr. Nun hat die 66-Jährige ihr erstes Soloalbum veröffentlicht, „No Home Record“ – und sich von ihrer musikalischen Vergangenheit vollständig verabschiedet.

Der Titel des von Justin Raisen – er arbeitete schon für Angel Olson und Charli XCX, Sky Ferreira und Yves Tumor – produzierten Albums ist eine Reminiszenz an den Film „No Home Movie“, den letzten der belgischen Regisseurin Chantal Akerman vor ihrem Freitod 2015. In den düster dräuenden, von elektronischen Beats getriebenen Soundtexturen kommt Gordons Gitarrenspiel eine untergeordnete Rolle zu. Der experimentelle HipHop und Trap liefern die Parameter. Einzig „Hungry Baby“, im Text geht es um sexuelle Belästigung aus der männlichen Perspektive eines Rockmusikers, erinnert an den Indierock. Nicht allerdings an Sonic Youth.

Kim Gordon: No Home Record.

Im Video zu dem Song „Sketch Artist“ kurvt Gordon in der Rolle einer Chauffeurin für das Unternehmen „Unter“ durch Los Angeles und bringt mit dem Blick aus ihren exzentrisch glittergeränderten Augen reihenweise Passantinnen und Passanten zu Fall. Offenkundig handelt es sich auch um eine Hommage an den 2012 verstorbenen Künstler Mike Kelley, einen Freund Gordons. Eindeutigkeiten indes meidet Kim Gordon in ihren aus Textsplittern und Parolen montierten Texten.

Ihre „fucked up poetry“

„I have moved on“, hat Kim Gordon in Interviews gesagt. Ich bin einen Schritt weiter. Über eine Beschäftigung mit ihrer eigenen Vergangenheit, durchaus ein Motiv, geht sie weit hinaus. Ihre Collagen handeln von der Gegenwart, mit einem distanzierten, filmischen Blick. Sie selbst spricht von „fucked up poetry“.

Die charakteristische Stimme nimmt mitunter einen deklamatorischen Ton an und ist verschiedentlich gleichsam eingeschreddert in die Tiefe der musikalischen Schichten.

Längere Zeit erstmal hat Kim Gordon in Los Angeles in einem über Air BnB vermittelten Apartment gewohnt; inzwischen hat sie sich ein Haus gekauft. In dem Song „Air BnB“ regt die Einrichtung von Wohnungen, die über die Plattform vermietet werden, zu Spekulationen über die Lebenshaltung der Besitzer an: Die Rede ist von einem Riesenbildschirm, der Tiefgarage und Andy-Warhol-Drucken an der Wand. „Eine kuratierte Umgebung“, so Gordon, „in die andere vor ihrer eigenen Geschichte fliehen können“.

Die Mittel mögen völlig andere sein, die zurückgewonnene künstlerische Radikalität erinnert an die frühen Tage von Sonic Youth, so tiefgreifend Kim Gordon die Band und den Noise-Gitarren-Rock auch hinter sich gelassen hat.

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