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Womöglich jahreszeitlich passend gekleidet: Die Goldenen Zitronen.

Die Goldenen Zitronen

Alle kennen ihre Rolle

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Mit nicht nachlassender Dringlichkeit: Die Goldenen Zitronen und ihr Album „More Than a Feeling“.

Komm Joe, mach die Musik von damals nach.“ Die Goldenen Zitronen zitieren diese Zeile von Brecht und Weill auf ihrem neuen Album, dem sie den Titel „More Than a Feeling“ gegeben haben. Das ist eine starke Setzung, denn dieser von der „Classic Rock“-Band Boston gekaperte Titel öffnet weite Assoziationsräume mit Blick auf Politik und Gesellschaft und knüpft damit an das auf Michael Jackson zurückgehende „Who’s Bad?“ von vor fünf Jahren an. Musik zur Zeit – das ist das Programm der im Jahr 1984 in Hamburg gegründeten Band, seit sie mir ihrer vom Funpunk geprägten Frühphase abgeschlossen hatte, weil sie es leid war, die feierwütigen Schnauzbartträger in ihrem Publikum zu bedienen. Das Album „Das bisschen Totschlag“, erschienen 1994, im Jahr nach dem rassistisch motivierten Brandanschlag von Mölln, ist ein Markstein gewesen. Eine Konstante ist seither die mit den Jahren nicht nachlassende Dringlichkeit in der Musik wie in den Texten und ihrem Vortrag.

Der zeitgenössische HipHop ist die Basis, auf die sich derzeit alle einigen können in dem Sextett um Schorsch Kamerun, der sich die Rolle des Sängers und Texters ungefähr hälftig mit Ted Gaier (Gitarre, Synthesizer und etliches mehr) teilt, Mense Reents (Synthesizer, elektronische Beats, Bass und Perkussion), Julius Block (Synthesizer, Gitarre) und die beiden Schlagzeuger Enno Palucca und Stephan Rath. Die queere Seite des Genres, aber, wie Ted Gaier in einem Interview gesagt hat, auch ein Kanye West, weil derlei produktionstechnisch ganz weit vorne sei – der Mainstream als Avantgarde. Eine weitere Referenzquelle ist dem Album deutlich anzuhören, der Krautrock. Oder, wie Gaier es sagt, „einfach musizieren, keine fertigen Kompositionen“.

„Europäische Werte / exklusive, hochverehrte / geschickt getrickst, erschwerte / heimtückisch Verwehrte“, heißt es in „Gebt doch endlich zu, euch fällt sonst nichts mehr ein“, dem Song mit dem Brecht / Weill-Zitat. Ted Gaier singt ein galliges Lied auf die heute „nostalgisch verklärte BRD“: „Unsere weiße BRD / Monodeutsche BRD / Unsere Petra Kelly BRD /.../ Die verhasste BRD“. Und in „Es nervt“: „Der gute Wille nervt. / Der verständnisvolle Tonfall, / die Sprache des verständnisvollen Nichtverstehens“. Es mischt sich die Stimme der schwarzen Frauenrechtlerin LaToya Manly-Spain ein: „Don’t call us your sisters“.

Die Texte manifestieren eine Dissidenz zu einem linksliberalen Konsens in Zeiten, in denen ein Teil der progressiven Kräfte eine bemerkenswerte Allianz mit dem Individualitäts- und Toleranzangebot, das ja auch Teil des vielgescholtenen Neoliberalismus ist, eingegangen ist. Es geht um Zäune und um Mauern und darum, dass die ,,Festung Europa“ politischer Mainstream ist – und nicht etwa ein Projekt des rechten Rands. „Na supi, Alter, willkommen im Boot bei dem Schwachkopf, der sicherstellen will, dass in der Brötchenschlange vor ihm ein hochqualifizierter KI-Entwickler steht und nicht etwa ein gerade mal geduldeter Ausländer.“ „Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“, reflektiert die – absehbaren – Ereignisse um den G-20-Gipfel in Hamburg. „Und so begannen die Riot- und Rollenfestspiele. / Gut orchestriert, alle kannten ihre Rolle.“

Diese außerordentliche Platte hört sich an wie ein Essay zum Stand der Dinge. Oder auch „Ein Hörbuch der linken Großkonflikte“ – so das treffende Wort, das LaToya Manly-Spain darauf geprägt hat.

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