Alte Oper

Die gleißenden Höhen des Jubels

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Exzellent mit dem Strich gebürstet: Beethovens 9. Sinfonie beim Museumskonzert in der Alten Oper.

Aufführungen von Beethovens 9. Sinfonie sind in aller Regel Chefsache. So war es auch bei der Museumsgesellschaft in der Alten Oper, wo Sebastian Weigle die vereinigten großen Chöre, das Museumsorchester sowie vier Ensemble-Mitglieder der Oper Frankfurt leitete.

Vor vierzig Jahren war das nicht anders, als Michael Gielen dirigierte, der vor dem beliebten Finalsatz mit den Freude-schöner-Götterfunke-Chören Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ einfügte. Damals war das Gegen-den-Strich-Bürsten bei einigen Interpreten und Meinungsbildnern beliebt: Montage-Konzerte, die man als Vorläufer gängig gewordener Patchwork-Ästhetik ansehen könnte.

Heute stehen die Zeichen auf Herleitung und Kontextualisierung, was eher einem Mit-dem-Strich-Bürsten entspricht. So gab es vor der sinfonischen Haupt- und Staatsaktion deren modellhaften Vorläufer: die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester op. 80 – die kleine Neunte, die bis auf die spätere konstruktive und solistische Anreicherung und abzüglich eines Klavierparts die Keimzelle des Prototypen vieler nachfolgender Feier-Freude-Hymnik darstellt.

Ein exzellentes, pausenlos gegebenes Programm, das zugleich dem neuen Lehrstuhlinhaber für Klavier an der Frankfurter Musikhochschule, Alexej Gorlatsch, Gelegenheit gab, seine klingende Visitenkarte abzugeben. Ein Auftritt mit Engagement für die konfliktuösen Partien, deren individualistischer Ton sich auf dem dafür idealtypischen Beethoven-Instrument ausleben konnte, bevor er dann im Gesang einer Chorfantasie aus der Feder Christoph Kuffners unterging.

Die charakteristische Mischung aus choralkränzchenhafter Melodik, Prozessionshymnik und Tanzfiguren hat ihren Ursprung in den Idiomen der Revolutionsmusiker Étienne Méhul und François-Joseph Gossec, derer sich Beethoven zeitlebens bis hinauf zur 9. Sinfonie teils plakativ, teils höchst eigensinnig bediente. Die Frankfurter Sängerinnen und Sänger von Cäcilien- und Figuralchor, von Singakademie und Kantorei waren blendend in der Doppelfuge, den gleißenden und harten Jubel-Höhen und allen weiteren block- und marschhaften Freude-Manifestationen.

Sebastian Weigle gab dramaturgisch dem gedeckten Klangmassen-Geschiebe und den metrischen Gleichförmigkeiten der Instrumentalsätze nichts hinzu, wechselte aber den Duktus bei Beethovens neuem operativ-oratorischen Gestaltungsansatz der finalen Abschnittsmodule.

Die Vokal-Solisten reicherten die Freude-Pathetik mit überstrahlenden Vokalisen (Louise Alder), plastischer Fülle (Katharina Magiera) und farbhaltigen, markanten Stimmen (Gerard Schneider und Kihwan Sim) an.

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