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Im Glanz der Mildtätigkeit

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Am 13. Juli 1985: Prinzessin Diana und Prinz Charles mit "Live Aid"-Organisator Bob Geldof (r.) im Wembley-Stadion.
Am 13. Juli 1985: Prinzessin Diana und Prinz Charles mit "Live Aid"-Organisator Bob Geldof (r.) im Wembley-Stadion. © Reuters

Vor genau 30 Jahren, am 13. Juli 1985, versammelten sich westliche Superstars zu „Live Aid“ für Äthiopien: Ob es mehr den Afrikanern oder mehr den Stars selbst nützte, ist bis heute umstritten.

Von Christian Bos

Es ist zwölf Uhr Mittags in London, sieben Uhr morgens in Philadelphia, und auf der ganzen Welt ist es an der Zeit für Live Aid“, rief der BBC-Moderator Richard Skinner ins Mikrofon, und die ganze Welt hörte zu. Fast zwei Milliarden Menschen in 150 Ländern sollen mitverfolgt haben, was sich in den folgenden 16 Stunden dies- und jenseits des Atlantiks zutrug.

„Live Aid“ markierte vor genau 30 Jahren, am 13. Juli 1985, den Gipfelpunkt der 80er Jahre, die größte Live-Fernsehübertragung, das größte Rock-Konzert aller Zeiten. Zumindest den Zahlen nach. Was „Live Aid“ bedeutet, wer am Ende des Tages von Bob Geldofs gigantischer Spendengala profitiert hat, darüber wird bis heute gestritten.

Unstrittig ist eigentlich nur, dass die Gruppe Queen ihre 20 Minuten nutzte, um die anderen Großkopferten des Rockbusiness in ihrem Windschatten zurückzulassen. Freddy Mercury und Kollegen verzichteten bewusst auf einen prominenten Platz am Anfang oder am Ende des britischen Konzerts im Wembley-Stadion, sie traten gegen 18.30 Uhr englischer Zeit auf, zur frühen Primetime, doch noch bevor das Überangebot an Superstars die Zuschauer ermüdet hatte.

Und während etwa Led Zeppelin ihre Wiedervereinigung in Philadelphia gründlich vergeigten – Robert Plant war nicht bei Stimme, Jimmy Page nudelte schlecht gelaunt vor sich hin und Phil Collins wusste als Ersatzdrummer nicht wirklich, welchen Takt er schlagen sollte – hatten Queen eigens ein Londoner Theater angemietet, um in den Tagen vor dem großen Ereignis rigoros ihren Kurzauftritt zu proben, in den sie sechs ihrer bekanntesten Songs schrumpfverpackten. Anschließend soll Elton John in die schäbige Umkleidekabine gestürmt sein und, nur halb im Scherz, Mercury beschuldigt haben, allen anderen die Schau zu stehlen.

"Brothers in Arms" verkaufte erstmals mehr CDs als Vinyl

Das Jahr 1985 markierte auch den Siegeszug der CD. „Brothers in Arms“ von den Dire Straits war im Mai dieses Jahres erschienen und war das erste Album, das mehr Exemplare auf CD als auf Vinyl verkaufte. Daraus hatte Mark Knopfler mit Sting just vor dem Queen-Auftritt gesungen: „Money for Nothing“.

Nach dem Wembley-Triumph verkaufte sich der umfangreiche Back-Katalog der Band wie nie zuvor, wer das Vinyl bereits besaß, legte sich die CD-Version zu. In geringerem Maße ging es fast allen Rock-Veteranen so, die Bob Geldof zum Auftritt überredet hatte.

Es waren die fetten Jahre der Musikindustrie. „Live Aid“ soll rund 150 Millionen Pfund an Spenden für Äthiopien generiert haben, aber die wahren Profiteure – selbst wenn sie das zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen konnten – waren die etablierten Stars, The Who und Paul McCartney, Bryan Adams und Black Sabbath, Mick Jagger, Tina Turner und Phil Collins, der per Hubschrauber und Concorde vom Wembley zum John F. Kennedy Stadium düste.

Indes hatte man vergessen, den ein oder anderen Künstler aus Äthiopien oder dem restlichen Afrika einzuladen. Und Bob Geldofs Vorwärtsverteidigung, dass er die größten Stars brauchte, um die größtmögliche Menge an Spenden zu gewinnen, klingt dann doch allzu sehr nach Rudyard Kiplings berüchtigter Imperialismus-Verteidigung, nach seiner Formulierung von der „Bürde des weißen Mannes“.

Schon „Do They Know It’s Christmas“, die von Geldof und Midge Ure komponierte Charity-Single, die dem „Live Aid“-Konzert voranging, hatte einen fragwürdigen Graben zwischen „uns“ und „denen“ (die noch nicht einmal wissen, dass Weihnachten ist) aufgemacht.

Nun waren es keine Kolonialherren mehr, sondern stadionfüllende Superstars, die sich im Glanz ihrer Mildtätigkeit sonnten. Vielleicht muss man „Live Aid“ auch schlicht als Urknall unserer heutigen, sich selbst genügenden Celebrity-Kultur verstehen.

Immerhin: David Bowie, der den schwierigen Auftritt direkt nach Queen souverän meisterte, verzichtete auf einen Song, um ein Video von hungernden Kindern in Äthiopien zu zeigen – übrigens gegen den Willen Bob Geldofs; er zeigte dieses Video, um an den eigentlichen Zweck der Veranstaltung zu erinnern.

Die edle Geste hatte Wirkung: Anschließend schossen die Spenden in die Höhe. Aber waren es nicht gerade diese Bilder, schreibt der konservative britische Journalist Ian Birrell, die zu einem Sieg billiger Emotionalisierung und Promi-Politik gegen ein tieferes Verständnis komplexer Probleme führten? Die wahre Hinterlassenschaft von „Band Aid“ und „Live Aid“, so Birrell, bestehe in der Zerstörung des Images des gesamten afrikanischen Kontinents.

Das klingt allzu harsch. Doch „Live Aid“ ist ein Paradox: Just in dem Moment, in dem das Musikgeschäft ein Gewissen entwickelte, wurde es zum ungleich lukrativeren Geschäft. Queen hatten das instinktiv verstanden. Auch Mick Jagger und Tina Turner, die – unbekümmert – die sexuell aufgeladendste Performance des langen Konzertes hinlegten (Jagger zieht sein T-Shirt aus, reißt Turner den Leder-Minirock vom Leib). Die Spielchen der beiden kann man sich, ironischerweise, heute mit besserem Gewissen ansehen als die vielen ernst gemeinten Appelle an das Gute im Rockbusiness.

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