Malcolm Young, hier 2014 in Mexiko.
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Malcolm Young, hier 2014 in Mexiko.

Tod von Malcolm Young

Der Gitarrist zum Lebensgefühl

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Als Rhythmusgitarrist und Songschreiber war Malcolm Young der heimliche Kopf von AC/DC. Ein Nachruf.

In der mit heiligem Ernst betriebenen Rockkritik galt die aus Australien stammende, das Hardrock-Genre revolutionierende Band AC/DC zunächst vor allem als Phänomen der Regression. Das lag natürlich am gnomartigen Erscheinungsbild des Frontmannes Angus Young, der stets in einer Schuluniform in kurzen Hosen auftrat und der Band so früh ein unverwechselbares Image verlieh, das irgendwie mit schmutzigen Kinderfantasien konnotiert war.

Die Vorstellung vom Schmutz rührte nicht nur von der wie unartige Kinder auf der Bühne umherlaufende Formation her, sondern wohl vom ungemein direkten Druck des Gitarrensounds, der drängend war und dem ganzen Genre eine Art neuer Authentizität verlieh. Dafür war aber weniger der Leadgitarrist Angus Young verantwortlich, sondern sein zwei Jahre älterer Bruder Malcolm, der AC/DC 1973 gegründet hatte und zu der Bruder Angus erst etwas später hinzukam.

Riffs, die in Erinnerung bleiben

Die Familie Young stammte eigentlich aus Schottland, und es passt ins Schema nationaler Stereotypien, dass der trockene, raue Sound der Band auf deren britische Wurzeln zurückzuführen war.

Als Rhythmusgitarrist und Songschreiber war Malcolm Young der heimliche Kopf von AC/DC, und je länger die wechselvolle Karriere dauerte, desto deutlicher wurden die Reverenzen aus Kollegenkreisen für seine markanten Riffs. Als endgültiges Adelsprädikat darf eine Bemerkung des großen Crossovergenies Frank Zappa gelten, von dem der Satz überliefert ist: „Wenn du etwas über Gitarren lernen willst, musst Du AC/DC hören.“

Das taten schließlich nicht nur jene, die sich für den besonderen Sound interessieren, die Gitarrensaiten insbesondere dann hervorzubringen vermögen, wenn man ihre Schwingungen elektrisch verstärkt hörbar macht.

Spätestens in den achtziger Jahren reüssierten AC/DC weltweit als schrilles Jugendphänomen, ihr wohl größter Erfolg „Highway to Hell“ wurde zu einer Hymne des unbedingten Willens, bei einer eben noch gesitteten Party über die Stränge zu schlagen.

Es brauchte aber einige Jahre, ehe man Malcolm Young das Attribut „bester Rhythmusgitarrist der Welt“ anheftete, als handele es sich um eine späte Wiedergutmachung in einer langen Geschichte der Verkennung. Auch wenn die Brüder Young mit dem Ergebnis selbst gar nicht sonderlich zufrieden waren, mag die Zusammenarbeit mit dem legendären Produzenten Rick Rubin, aus der 1995 das Album „Ballbreaker“ hervorging, als endgültige Aufnahme in die ätherischen Sphären des Pop gelten.

Die Metaphern, die Kritiker dafür übrigen hatten, klangen dann aber oft so: „Bei manchen Songs, etwa ,If you Want Blood (You’ve Got It)‘ ist es, als habe man eine Stricknadel in die Steckdose gesteckt“, schrieb Edo Reents in der FAZ. Der Satz fiel bereits in einem Nachruf auf die Band im Jahr 2014, als bekannt geworden war, dass Macolm Young nie wieder mit AC/DC würde auftreten können.

Der Kopf der Gruppe war an Demenz erkrankt, und während es im Verlauf der Bandgeschichte eine Reihe von Umbesetzungen und Gastauftritten (etwa durch Axl Rose) gegeben hatte, war klar, dass AC/DC ohne Malcolm Young nicht mehr dasselbe Lebensgefühl zu liefern vermochten, das man so lange von ihnen bezogen hatte. Mag sein, dass die vielen Fans nicht nur Malcolm Young verehrten, sondern auch die Zeit, in der sie mit ihm jung waren.
Malcolm Young ist am Samstag im Alter von 64 Jahren in Australien gestorben.

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