Mousonturm

Gitarre üben, wenn der Bruder weg ist

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Beim Frankfurter Konzert von Les Filles de Illighadad wirkt manches ungelenk, aber die Stimmung ist gut.

Die Wassertrommel gibt einen hypnotischen Rhythmus vor. Mit einem Holzstößel wird sie stoisch geschlagen, ein warmer, tief vibrierender Puls. Darüber spinnt sich ein raues, eigentümliches Geflecht aus Gitarrenriffs und einem oft mehrstimmigen, verhangenen Gesang. Man kennt Musiken dieser Art aus dem Nordosten Malis, aber auch aus dem Niger, Algerien oder Burkina Faso. Tuaregbands wie Tamikrest oder Tinariwen haben einen ganz eigenen, voluminösen Wüstenblues entwickelt und sich dafür oft mit dem Rock kurzgeschlossen.

Das Besondere an dieser Musik im Lokal des Frankfurter Mousonturms ist nicht einmal, dass sie feiner, filigraner wirkt als die vieler bekannter Tuaregkapellen. Das Besondere ist, dass drei Frauen hier auf der Bühne stehen. Les Filles de Illighadad nennen sie sich nach ihrer Herkunft aus einem kleinen Dorf am Rande der Sahara, wo die E-Gitarre, wie überhaupt in ihrem Heimatland Niger, doch eigentlich eine Sache von und für Männer ist.

Fatou Seidi Ghali konnte dann auch das Instrument immer nur dann üben, wenn ihr Bruder, dem es eigentlich gehörte, nicht zu Hause war. Heute ist das anders. Wenn Fatou Seidi Ghali, Alamnou Akrouni und Mariama Salah Assouan ihre Musik spielen, wenn sie von der Liebe singen oder vom Leben in und mit der Wüste und dazu Ghalis minimalistischer Gitarrensound ertönt, versammeln sich in ihrem von Lehmhütten gekennzeichneten Dorf alle um sie herum. Eine Revolution sei das, sagen viele, deren Ausmaß uns Europäern gar nicht bewusst werden kann.

Im Mousonturm wirkt an diesem Abend trotzdem manches ungelenk. Ghalis Gitarre bleibt matt und im Hintergrund, der Gesang etwas dumpf. Für den Bluessound sorgt ein Mann im weißen Übergewand und mit tief hängendem Gesichtsschleier, was klanglich Sinn macht und eine neue musikalische Ebene eröffnet, umgekehrt aber die große Geschichte von Emanzipation und weiblicher Selbstbestimmung, die Les Filles de Illighadad gerade so interessant macht, unnütz untergräbt.

Der Stimmung im gut besuchten Lokal des Mousonturms tut das freilich keinen Abbruch. Schnell wird auch getanzt, egal ob es nun zu der Musik passt oder nicht. Es ist kein schlechter Abend, überhaupt nicht, aber einer, an dem nicht alles zusammenpasst und zusammenfindet. „Thank you“, sagt dann plötzlich der Mann von der Bühne, es ist das erste direkte Wort ans Publikum. Und dann ist alles vorbei.

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