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Ghost Woman: „Anne, If“ – Signale aus Radioland

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Von: Olaf Velte

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Evan Uschenko mit Ille van Desse und Nick Hay. Foto: Self Portrait
Evan Uschenko mit Ille van Desse und Nick Hay. Foto: Self Portrait © Self Portrait

Garage, Surf, Sixties: Ghost Woman feiern auf „Anne, If“ den Sound

An einer Stelle der „Motel Chronicles“ erwähnt Sam Shepard einen Typen, der „an ein fernes Radioland“ glaubt. Ein Gitarrist, suchend „nach jenem magischen Kanal, der ihn in sein vor langer Zeit verlorenes Erbe einsetzt“. Es kann nur Evan Uschenko gemeint sein, seines Zeichens Westkanadier, Session-Musiker und an vielen Tasten und Saiten versiert.

Unter dem Namen „Ghost Woman“ ist der Indie-Spezialist fündig und heimisch geworden. Nur wenige Monate nach seiner Debütplatte bekräftigen die jetzt vorgestellten 33 Minuten von „Anne, If“ wo der unauffällig werkelnde Songschmied seine Wollmütze zum Nachtgebet abnimmt. Schon das erste Sekundenstücklein Musik – „Welcome“ betitelt – öffnet das Tor ins geheiligte Land SIXTIES, gibt Geleit in eine Welt sich ewig erneuernder Westküsten-Szenarien.

Und Uschenko macht es einfach, macht es gut, hat sich die belgische Schlagzeugerin Ille van Dessel und den Instrumentenjongleur Nick Hay ins betagte Bauernhaus geholt, schaltet die Effektgeräte ein, erklärt SOUND zum Ursprung aller Dinge. Eine Produktion, die in ihrer unzeitgemäßen Gelassenheit eine grandiose Atmosphäre in den Raum hievt, die Spätsechziger als stets aktuelle, nie vergangene Hochkulturphase vergegenwärtigend.

Ohne technische Hilfsmittel geht es nicht. Als Zeitreisemaschine fungiert hier eine japanische 8-Spur-Tascam 388 aus den mysteriösen 1980ern, 38 Kilo schwer, Garant für klangvolle Erhabenheit. Unter den elf Songs von „Anne, If“ finden sich wahre Genre-Perlen, die Vergleiche zu vormaligen Garage- und Psychedelic-Hits nicht zu scheuen brauchen. Das hat in seiner erinnerungsseligen Nachkommenschaft jedenfalls auch genügend frische Kraft für ein immerwährendes Aufbegehren.

Das Album

Ghost Woman: Anne, If. Full Time Hobby/ Rough Trade.

So dürfen die Gitarren zuweilen scheppern, die Schlagstöcke dengeln, die stumpfen Grooves ins Transzendente abschmirgeln. Irgendwo Country- und Pop-Fetzen, die Schatten früher Stones- und Kinks-Stampfer, ein in Schräge gefallenes „I don’t know“. Die beiden Single-Auskopplungen haben es in sich, können als Gipfelkreuze des Ghost Woman-Schaffens gelten. „Broke“ badet im tief-halligen Psycho-Schleppnetz, dort, wo Madame van Dessel hellwach und zuverlässig die Fahrrinne freihält.

Als lässig-breitbeiniges Easy-Rider-Remmidemmi brutzelt schließlich „The End of a Gun“ über den Pacific-Freeway, wunderbar geleitet von des Oberhaupts‘ Surfrock-Vision. Evan Uschenko ist ein Meister. In den besten Momenten navigiert ihn seine Altertumsforschung in einen Zustand rhythmisierter Trance. „Street Meet“ ist solch ein Fall: sparsam, stoisch, wortlos. Wunderliche drei Minuten anhaltend.

Erwähnenswert die den Singles beigegebenen Videos. Einmal der Vormittag eines übellaunigen Plüschhasen – inklusive Frühstücksjoint, Captain Beefheart und vier Linien Koks. Oder Biker-Gangs auf dem Run, Schafe treibend, Maschinen antretend, Freiheit fordernd, sich überschlagend. Während der Aufnahme-Prozedur sollen auch alte VHS-Filme über die Wände geflackert sein. Sixties-Underground auf magischen Kanälen? Versprengte Signale aus Radioland? Ein Westcoast-Rock’n’Roll-Märchen?

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