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Bariton, Tenor, Königin: Juan Jesús Rodríguez, Mario Chang und Ambur Braid.

Oper Frankfurt

Das Gewicht der Leichtigkeit

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Donizettis „Roberto Devereux“ in einer glanzvollen konzertanten Aufführung mit Ambur Braid und Alice Coote.

Die unter Macht, Staatsräson und perfektioniertem Rollenspiel vermuteten Gefühlswallungen der englischen Königin Elisabeth I. haben Künstler seit jeher befremdet und mitgerissen. Das auf ein französisches Drama zurückgehende Libretto für Gaetano Donizettis Oper „Roberto Devereux“ (1837) tut dies auf besonders geschichtsvergessene Weise. Die von einer unerwiderten Liebe regelrecht durchgeschleuderte Monarchin entdeckt kurz vor Toresschluss wieder ihre Sanftmut („schließlich bin ich eine Frau“) und bietet die Krone spontan ihrem vergebens Geliebten (bereits zur Hinrichtung in den Tower verbracht, aber egal) und der Rivalin (verheiratet, aber egal) an. Da unter dem fortgesetzten Singen die Exekution des Tenors logischerweise stattgefunden hat, dankt sie nun ab und bleibt völlig verstört zurück.

Glücklich, wer gesehen hat, wie Ambur Braid das im Frankfurter Opernhaus auch nach ihrem großen Schlussgesang noch weiter gestaltete, die Arme erhoben, der Blick hoffnungslos schweifend, vom Beifall wie in die (in der Tat allerdings triumphale) Realität zurückgezerrt, großes Drama auf engstem Raum. Sprechen wir nicht davon, dass Elisabeth I. das nie getan hätte (abzudanken, gestört zurückzubleiben). Sprechen wir davon, dass „Roberto Devereux“ in der konzertanten Aufführung im Frankfurter Opernhaus zu fabelhafter Entfaltung kam. Von der Ouvertüre an, in der Donizetti die Unausgeglichenheit der Königin schon in Gänze ausmalt, von entschlossenen Stampfakkorden, die sich gleich in sanfte (etwas irre!) Streicherpassagen auflösen, von der effektvoll eingebauten Nationalhymne bis zu in diesem Zusammenhang eher verzweifelt wirkenden Operettenfröhlichkeit.

„Roberto Devereux“ – eine seinerzeit betrübliche Staatsaffäre, die auch Benjamin Britten gut zweihundert Jahre nach dem Italiener in „Gloriana“ vertonte – lässt zu keinem Augenblick die Hoffnung auf einen guten Ausgang zu. In Frankfurt machen Giuliano Carella und das Opern- und Museumsorchester aber klar, dass das an Schwung nicht hindern muss und sollte. Wahnsinnig behende – und Wahnsinn ist immer ein passendes Stichwort im Zusammenhang mit Donizetti – schippern sie durch die unsteten Wogen der Leidenschaften im Vorspiel, bevor sie sich auf die sympathischste Weise ganz auf die Unterstützung der Singenden konzentrieren. So ist das in der Oper, aber die im Graben sieht man sonst nicht.

Ein Quartett lebt nun seine verhängnisvollen Seelenqualen auf offener Bühne voll aus. Im Zentrum die beiden Rivalinnen, zwei Frauen von denkbar unterschiedlichem Charakter, was sich in Frankfurt aber besonders originell auswirkt. Sara, die defensivere, „fraulichere“ Mezzosopranistin, die Devereux liebt und die von ihm geliebt wird, ist Alice Coote, die natürlich nicht vorhat, an ihren enormen Ausdrucksmöglichkeiten zugunsten einer gewissen Sanftheit zu sparen. Die reifste Stimme des weiß Gott nicht unreifen Abends bietet das Leid unverhohlen von seiner raumgreifenden, auch schrofferen und unfreundlichen Seite. Die Stimmkontrolle ist ohne Fehl, Eigenwilligkeit und technische Makellosigkeit gehen eine traumhaft starke Verbindung ein.

Das gilt auch für Ambur Braids ganz anders gelagerten Koloratursopran. Auch die Kanadierin, von kommender Spielzeit an Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, hat eine gewichtige Stimme, die sie aber in rasante Bewegung versetzen kann, gut abgestützt und bei aller Wucht feinperlenden Jammer- und Wutkaskaden, die Braid auch darstellerisch mit Vehemenz begleitet. Dass eine Königin, die sich nicht im Griff hat, Gefahr läuft, zur grotesken Figur zu werden: Hier wird es Gesicht. Und man mag sie sehr, diese schwankende, kokette, herrische, traurige Elisabeth, die alles haben kann, aber nicht diesen Mann. Ihre Spitzentöne setzt Braid mit Sorgfalt und Anlauf an, dann blühen sie prächtig.

Der Titelheld selbst ist vom Libretto zur absoluten Untätigkeit verdammt, ein Objekt der Begierde, das nur noch Nein sagen kann (nein, er liebt die Königin nicht) und versuchen, ehrenvoll aus der Geschichte herauszukommen. Ehrenvoll in Richtung Tod, heißt das. Mario Chang nimmt das Aussichtslose der Lage insofern auf, als er im Spiel verhalten bis zum Starren wirkt. Dafür singt er sich im Verlauf seiner Auftritte regelrecht frei, mit mittlerem Schmelz, aber bejubelter Standfestigkeit und geschmackvoller Kraft.

Der Herzog von Nottingham, Saras glückloser Mann, ist der Spanier Juan Jesús Rodríguez, der sein Frankfurt-Debüt nutzen kann, sich als versierter, schön nuancierender Bariton zu empfehlen. Man hört den Verdi-Spezialisten und sieht seine Übung darin, schwierige, verschmähte und traurige Männer von Welt psychologisch einleuchtend darzustellen. Auch wenn Alice Coote vor ihm sicherheitshalber ans übernächste Pult ausweicht, zeigt sich, dass konzertante Aufführungen am Ende alles bieten, was (bestimmte) Opern brachen. Vertraute und Höflinge werden von Ingyu Hwang, Daniel Miroslaw und Thesele Kemane so ausgefeilt geboten, wie es dem Glanz der Aufführung angemessen ist. Dass der Chor (Tilman Michael) durch das Orchester von den Solisten getrennt ist, erweist sich für die Klangmischung wieder als etwas unideal, aber tatsächlich steht er ja auch nicht im Vordergrund des Werks. Was zu hören ist, ist kultiviert.

Carella ist schon Ende März wieder in der Nähe zu erleben, wenn er in Stuttgart die „Don Pasquale“-Premiere dirigiert.

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