"Eugen Onegin"

Das Gewicht des großen Operntons

Waltraud Lehner inszeniert in Stuttgart Tschaikowskis "Eugen Onegin", und auch hier streikte das Orchester.

Von GEORG RUDIGER

Wenn der Pianist nach einer Opernpremiere den größten Beifall erhält, muss etwas Besonderes vorgefallen sein. Eine Stunde vor Premierenbeginn hatte Korrepetitor Thilo Lange erfahren, dass er wegen des Orchesterstreiks den "Eugen Onegin" an der Stuttgarter Staatsoper am Klavier begleiten müsse. Er besteht seine Feuerprobe mit Bravour, folgt hinhörend dem Dirigenten Marc Soustrot, beschränkt sich bei Tuttistellen auf das Wesentliche und hämmert die großen Orchestercrescendi mit solcher Energie in die Tasten, als spielte er um sein Leben. Lange Zeit fehlt nichts bei diesem "Eugen Onegin". Regisseurin Waltraud Lehner verlegt die Geschichte vom frühen 19. ins späte 20. Jahrhundert.

Larina kocht keine Marmelade ein wie im Libretto, sondern rollt Architekturpläne aus. Die große Plakatwand im Hintergrund (Bühne: Kazuko Watanabe) zeigt eine braune Mietskaserne. Die Dorfbewohner bringen keine Erntegaben, sondern sind ungehalten darüber, dass Larina sie aus ihrer Wohnung wirft und dafür mit ein paar Geldscheinen abspeist. Der Kapitalismus hält Einzug in dieses spätkommunistische Ambiente. Der Wohnblock wird, Papierbogen für Papierbogen, überklebt mit einer Villenanlage, die Frauen brezeln sich auf (Kostüme: Werner Pick). Nur Überbleibsel wie der verknitterte Triquet (berührend: Heinz Göhrig) zeugen noch von der alten Zeit.

Trotz der knalligen Bilder gelingt es Waltraud Lehner in den ersten beiden Akten, sich den komplexen Gefühlswelten der Protagonisten anzunähern. Das Drama wird dicht erzählt, die Personenführung ist schlüssig. Bei der Briefszene schreibt Tatjana ihre Liebeserklärungen auf die am Bauzaun montierten Werbetafeln. In ihrer plötzlichen Leidenschaft legt die schüchterne Tochter alle Hemmungen hab. Halbnackt steht sie träumend auf der Bühne, ehe ihre Ekstase in Scham umschlägt und sie beim Erblicken Onegins die Bluse wieder anzieht. Karine Babajanyan singt diese Tatjana mit geschmeidigen Linien und dunkler Tiefe. Auch Tajana Rai als jüngere Schwester Olga, Cornelia Wulkopf als Amme Filipjewna und Trine Øien als Larina verfügen über die notwendigen Mezzofarben, so dass Tschaikowskis schwermütiger, mit großen Emotionen beladener Opernton Gewicht erhält.

Die sängerische Entdeckung des Abends ist Roman Shulackoff, der Lenski mit tenoraler Wucht ausstattet, ohne dabei an Zwischentönen einzubüßen. Nur die Titelfigur bleibt blass. Shigeo Ishinos Onegin ist solide, manche Passagen erscheinen jedoch zu gepresst, die große kantable Linie fehlt. Bei der dramatischen Schluss-Szene fehlen ihm auch die darstellerischen Möglichkeiten, um sein letztes Liebeswerben glaubwürdig zu machen.

Warum Waltraud Lehner den fragilen Schlussakt in einen Skiort verlegt, bleibt schleierhaft. Die beeindruckend singenden Choristen (Johannes Knecht) sind in fesche Skianzüge gesteckt und nippen am Glühwein. Hier zerbricht die lyrische Oper unter der Last der Bilder, die emotionale Wärme tendiert zum Gefrierpunkt.

Staatstheater Stuttgart, 5.,

10., 12. Dezember.

www.staatstheater.stuttgart.de

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