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Sir Simon Rattle in der Alten Oper.

Alte Oper

Gespenster tanzen drastisch

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Simon Rattle und das London Symphony Orchestra lassen in Frankfurt Helen Grime und Gustav Mahler hören.

Auch diese 9. Sinfonie ist durch vorangegangene Schicksalsschläge im Leben Gustav Mahlers und wegen der Komponisten-Schreck-Ziffer sagenumwoben (Mahler sprach zunächst bloß von einer „neuen“ Sinfonie, um nicht versehentlich in Beethoven-Nähe zu geraten). Mit dem frühen Tod des Komponisten wurde all das aber stärker in Verbindung gebracht – zumal Mahler die Anweisung „ersterbend“ mochte –, als es der Musik angemessen ist. Wie Sir Simon Rattle und sein London Symphony Orchestra dieses uferlose Stück spielen, ist es zu groß für die Tragödien eines einzelnen Lebens und seine Düsterkeit ist trotz ihrer Gewaltigkeit subtil, doppelbödig und antisentimental.

Publikum und Musiker müssen seit 1912, seit der Uraufführung der 1909/10 geschriebenen Sinfonie, damit fertigwerden, dass unorthodoxerweise zwei langsamere, elegische Sätze zwei durchaus grelle einrahmen. Auch in ihnen tut sich zwar ein Abgrund an Traurigkeit auf, aber es ist kein angenehmer und würdevoller. Gespenster wehen hier nicht fahl vorüber, sie tanzen drastisch und impertinent. Die Angabe „etwas täppisch und sehr derb“ für den Ländler-Satz wurde in der Alten Oper wortgetreu umgesetzt, exakt, hohl und stumpfsinnig, während die Akteure sich – mitreißender Kontrast – keinerlei Stumpfsinn leisten können und auch nicht leisteten.

Das ganze Programm über war Gelegenheit, sich an den makellosen Solisten des Orchesters zu freuen, an dem perfekt gebändigten Streichermeer und immer wieder auch an Rattles zugleich lässigen und haarscharfen Gesten. Die Mahler-Sinfonie dirigierte er auswendig bei seinem Frankfurter Antrittskonzert mit den Londonern, deren Leitung er im vergangenen Herbst übernommen hatte. Sehenswert war es, wie eine krallende, sich ballende linke Hand den Übergang von der Burlekse zum abschließenden Adagio erzwang, in dem die Londoner Streicher einen unheimlich breiten Klangteppich auslegten. Auch wenn Rattle der Drastik des musikalischen Geschehens nicht noch einen draufsetzte, sozusagen eine ausgefeilt gediegene Version bot, waren die grotesken Elemente offensiv und war das quälend langsame Verschwinden (ersterben) der Musik ein für die Musiker motorisch, für die Zuhörer psychologisch aufreibender Vorgang.

Dass Mahlers letzte vollendete Sinfonie (denn tatsächlich: auch er konnte die 10. nicht mehr abschließen) Zukunftsmusik war, was Form, Harmonie und Klangfarben, also eigentlich alles betrifft, zeigte sich im ersten Konzertteil: Zur deutschen Erstaufführung kam hier „Woven Space“ der 1981 geborenen, offenbar sehr erfolgreichen britischen Komponistin Helen Grime. Wie in logischer Fortführung traf man vieles wieder: Die selbstbeherrschte Behandlung des Orchesterapparats, die verschobenen Rhythmen, die gellend-klagenden Bläser, die zahlreichen, aber dosiert eingesetzten Schlagzeuge, das funkelnde Geigengespinst. Frappierend auch, wie zwei Werke sich weigern, ihre Zuhörer darüber auf dem Laufenden zu halten, wo sie sich gerade befinden. Das Schneidende und Knallende in „Woven Space“ klang einem allerdings auch ziemlich in den Ohren.

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