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40 Finger, 8 Füße: Das Gershwin Piano Quartet in der Alten Oper. 

Alte Oper

Gershwin Piano Quartet: Die Tücken des vierflügeligen Objekts

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Mitreißend und dann doch beschränkt und dann wieder grandios: Das Gershwin Piano Quartet in der Alten Oper Frankfurt.

Klavierquartett im gängigen Sprachgebrauch ist ein Streichtrio samt Piano, so wie man das etwa von Robert Schumann oder von Johannes Brahms kennt. Das Gershwin Piano Quartet dagegen ist wörtlich zu nehmen: vier Klaviere, 352 Tasten, 8 Pedale. Im „Sonntags um Fünf“-Konzert von Pro Arte auf dem Podium des Großen Saals der Frankfurter Alten Oper postiert und gespielt von den insgesamt 40 Fingern und acht Füßen Schweizer Pianisten, von denen zwei aus dem Jahr der Gründung 1996 noch dabei sind: der jetzt 62-jährige André Desponds und sein 17 Jahre jüngerer Kollege Stefan Wirth. Seit 2007 sind Benjamin Endeli (42) und als jüngster Mischa Cheung (36) mit von der Partie.

Alle vier zeigen auch große Könnerschaft als Arrangeure und Komponisten, denn das Ausmaß der Literatur für ihre Formation ist bescheiden. Bei Solo-Stücken sieht das schon anders aus, und so musste etwa Fazil Says „Paganini Jazz – Variationen über die Caprice Nr. 24 im Stil des Modern Jazz op. 5c“ lediglich gespielt werden. Genauso wie Sergei Rachmaninows „Melodie Nr. 3“ oder das von Earl Wild einst arrangierte „Embraceable You“ aus Gershwins „Girl Crazy“. Auch das soeben erst in Zürich uraufgeführte „352“ für vier Klaviere von Nik Bärtsch – einem ehemaligen Quartett-Mitglied. Ansonsten erlebte das begeisterte Publikum das Gershwin Quartett als Realisator eigener Bearbeitungen, die zentral ihrem Namensgeber verpflichtet waren.

Klavierklang ist kristalliner, härter, schärfer durchgezeichnet und von kürzerer Dauer, was Vor- und Nachteile hat. Transparenz, markantes Profil auf der einen und farbliche, räumliche Beschränkungen auf der anderen Seite. So virtuos und mitreißend das Gewebe der Werktexturen auch ausgearbeitet und aufgewirbelt war – bei einem Werk wie Gershwins Klavierkonzert in F geht natürlich, wenn auf einmal alles Klavier ist, viel von der Spannung zwischen den pianistischen Solo- und orchestralen Tutti-Charakteren verloren.

Und besonders viel da, wo Stücke mit Gesang, wie aus Gershwins „Porgy and Bess“ und andere Broadway-Arbeiten arrangiert werden. Die menschliche Stimme als Klaviersatz – da hatte selbst ein Franz Liszt in seinen zahlreichen Liedbearbeitungen viel zu tun mittels kompositorischer Zusatzleistungen, um atmosphärisch halbwegs auf Original-Level zu bleiben.

Zumal hier die Schweizer Musiker dem legeren, schmachtig-coolen Vokal-Look der Songs eine eher nüchterne, klassisch gradlinige Haltung abzugewinnen schienen. Mit diversen, die Saiten der Flügel dämpfenden oder anfärbenden, mit kleinen Schlagwerk-Applikationen bereichernden Timbres, ging man selber gegen die Tücken des vierflügeligen Objekts vor, die aber auch in recht starker Dauerlautstärke und einer harten Instrumenten-Timbrierung begründet waren.

Mit einer Tango-Fuge nach Astor Piazzolla, die sich formidabel selber auflöste, und der immer intensiver werdenden Statik von akkordischer und rhythmischer Strenge im Nik-Bärtsch-Werk hatten die vier auch für aktuelle Gestaltungs-Interessen etwas zu bieten.

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