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Eberhard Weber begnügte sich nie nur mit der Produktion tiefer Töne.

Musiker Eberhard Weber wird 70

Gerne im falschen Film

Berlin, sagt der in Stuttgart geborene Eberhard Weber, sei für ihn "eine Schicksalsstadt": Dort spielten vor 36 Jahren zwölf Cellisten der Philharmoniker erstamls seine Kompositionen. Nun wird der Jazzer 70.

Von Michael Rüsenberg

Berlin, sagt der in Stuttgart geborene Eberhard Weber, Berlin sei für ihn "eine Schicksalsstadt": Bei den Berliner Jazztagen im Oktober 1974 spielen zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker seine Kompositionen. Das war der glänzende Start des bis dato als Sideman ausgewiesenen Bassisten in die neue Rolle des Komponisten. Im gleichen Jahr erschient sein Debütalbum "The Colors of Chloe". 33 Jahre später, im April 2007, wiederum in der Berliner Philharmonie, ereilte ihn beim Soundcheck ein Schlaganfall; den Abend verbrachte er nicht, wie geplant, auf der Bühne mit Jan Garbareks Band, sondern in der Charité.

Immer noch spielunfähig, weil halbseitig gelähmt, nahm er im November 2009, im Großen Haus der Berliner Festspiele, den Albert-Mangelsdorff-Preis entgegen. Im Dezember 2004 spielte Weber auf dem letzten Konzert des Posaunisten vor dessen Tod, über den er in seiner Dankesrede enthüllt, er sei "nicht unbedingt ein Unterstützer der Emanzipation des Basses im Jazz" gewesen. Des öfteren habe er ihm beim Frühstück vorgehalten: "Eberhard, du hast mir gestern den Abend verdorben."

Eberhard Weber hat sich nie damit begnügt, nur die tiefen Töne zu produzieren, sondern er hat sie in der Architektur einer Komposition sinnvoll platziert. Jeder, der den Abdruck seines weniger pulsenden als singenden, vibrato- und obertonreichen Basses kennengelernt hat, kann ihn fortan mühelos identifizieren, bei Jan Garbarek, Gary Burton, Ralph Towner, Monty Alexander, bei seinen langjährigen deutschen Partnern Wolfgang Dauner, Volker Kriegel, ja selbst bei Kate Bush und Hannes Wader.

Sein eigenes Verdikt, ein Kontrabass-Solo sei eine "Schnapsidee", hat ihn nicht davon abgehalten, ab 1985 genau damit vors Publikum zu treten. Zur Legitimation führt er ein von ihm entwickeltes Modell an, einen Hybrid aus Elektro- und Kontrabass, ohne Resonanzkörper, der, erweitert um moderne Elektronik, ihm erlaubt, sich auch live mit Melodie-Fragmenten einzuhüllen. Denn Weber ist ein Erzmelodiker, der größte im deutschen Jazz, weit entfernt von afro-amerikanischer Ästhetik; so hat er wegen potenzieller Bluesnähe den Saxofonisten seiner Gruppe Colours, Charlie Mariano, bewegt, auf das Alt- zugunsten des Sopransaxofons und der indischen Nagaswaram zu verzichten. "Ein Musiker, der aus der Klassik kam, sich in den Jazz verliebt und sich dann im Jazz wohlgefühlt hat", so zeichnet er sein Selbstbild. Wie nirgends sonst im deutschen Jazz kulminieren bei ihm die Qualitäten eines Komponisten mit denen eines Instrumentalisten - aber eben auch die Widersprüche.

Mochte ihn bei der Preisverleihung auch der Laudator Manfred Schoof in der Mitte der Szene verorten - Weber strebt auf und davon. Seine Erwiderung war eine zehnminütige, spontane Suada aus Weinen und Lachen, ein rascher Wechsel aus Demut (vor dem Schicksal) und Übermut (gegenüber der Jazzszene).

Er tut so, als sei er im Grunde Jahrzehnte lang im falschen Film gewesen. Dieses Bild behagt ihm: "Ja, es hat mich gereizt, in diesem falschen Film so aufzutreten, dass man sagt: Der passt zwar da nicht unbedingt rein, aber - interessant!"

Über seinen 65. Geburtstag liegt ein Konzertdokument aus seiner Heimatstadt vor: "Stages of a long journey", ein großes Aufgebot mit dem SWR-Sinfonieorchester, Gary Burton, Jan Garbarek, Rainer Brüninghaus. Da er heute sein Instrument nicht mehr zur Hand nehmen kann, ediert er zur Zeit die Mitschnitte seiner Soli aus der längsten der vielen Etappen, der Zeit in der Band von Jan Garbarek (1982-2007) - aus der Perspektive einer gehörigen Portion Selbstkritik. Heute wird er, der seit langem in Südfrankreich lebte, siebzig Jahre alt.

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