+
Spürt die Macht der Tanzfläche: Georgia Barnes. 

Album von Georgia

Georgia „Seeking Thrills“: Dancefloor und Identität

  • schließen

Musik für die Massen: „Seeking Thrills“, das neue Album der Londoner Musikerin Georgia.

Diesmal geht es um nicht weniger als den ganz großen Popentwurf. „Georgia“, das 2015 erschienene und unter Connaisseuren vielbeachtete Debütalbum war geprägt von basslastigem Electropop mit dem Flair von Underground. Nun also: Musik für die Massen. Bei einer Reihe von Songs auf „Seeking Thrills“, dem zweiten Album der Londonerin Sängerin, Songschreiberin und Produzentin Georgia Barnes, die den Nachnamen als Musikerin weglässt, handelt es sich um veritable Dancefloorkracher. Pop, bei dem es darum geht, möglichst oft im Radio gespielt zu werden. Mit Referenzen an die Ursprünge des Dancefloors in den achtziger Jahren, an Chicago House und Detroit Techno. Analoge Synthesizer spielen eine fundamentale Rolle.

Darauf wiederum lässt sich Georgia Barnes nach wie vor nicht reduzieren. Ihren Weg hatte die studierte Musikethnologin als Schlagzeugerin begonnen, unter anderem für Kate Tempest und den Rapper Kwest. Dass sie die Produktion ihrer eigenen Vorhaben selbst übernimmt, stand für sie von vornherein außer Frage – insoweit bezieht sie sich auf den DIY-Ansatz ihres Vaters Neil Barnes, der in den neunziger Jahren als Teil des Electropopduos Leftfield Popgeschichte schrieb.

Dem neuen Album ging eine intensive analytische Auseinandersetzung mit der Popmusik voraus. Mit der Zielrichtung, Musik für den Dancefloor mitsamt der dahinterstehenden Produktionsweise zu verstehen. Entscheidend auch der Entschluss, sich anders als auf dem Debüt künftig ernstlich als Sängerin zu definieren.

Es geht auf „Seeking Thrills“ sehr klar um Songs, nicht um Tracks. Mit mal pointiert witzigen, dann aber auch wieder ausgesprochen gefühlvollen Texten. In einer Nummer wie dem basslastigen „Mellow“, eingespielt im Duett mit der ungemein cool klingenden Londoner Rapperin Shygirl, treffen sich Selbstreflexion und Nonsens. Im Gesang wie auch in der Haltung hinter dem Text von „I Can’t Wait“ dagegen klingt der Girlgrouppop der sechziger Jahre an. Die sphärischen Klänge von „Ultimate Sailor“ erinnern an den frühen Synthiepop deutscher Herkunft – Stichworte: Klaus Schulze, La Düsseldorf, Neu! – mit einem finster apokalyptisch anmutenden Ende. „Ray Guns“ gleich danach indes wirkt unbeschwert fröhlich, es schimmern fernöstliche rhythmische Strukturen durch – die südostasiatische Musik ist eines der Fachgebiete der Dreißigjährigen.

Ungeheuer die Vielfalt der musikalischen Mittel – ohne dass das Album darüber auseinanderfallen würde. Die hedonistische Haltung, die dahintersteht, erinnert an die junge Madonna und mehr noch an deren Zeitgenossin Cindy Lauper. „Now seek those thrills“, lautet die Botschaft, die Georgia ihrem Album im Kleingedruckten des Booklets mitgegeben hat. In einem Interview hat sie sich auf die „identitätsstiftende Relevanz“ der Szene im Chicago der achtziger Jahre bezogen. Eine Community, in der Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung keine Rolle gespielt hätten.

Ein Nachjustieren in diesem Sinne sei auch im Zeitalter der Gentrifizierung möglich. Sie selbst habe sich in der Zeit um ihr Debüt herum in Alkohol und Drogen verloren, dann aber davon Abstand genommen und sei nüchtern durch die Klubs gezogen – da erst habe sie gemerkt, „wie mächtig die Tanzfläche tatsächlich ist“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion