András Schiff

Genosse Schiff fährt nach Moskau!

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Der Pianist András Schiff gibt im Gesprächsband „Musik kommt aus der Stille“pointiert und reflektiert Auskunft über seine Arbeit.

Der Mann redet so, wie er spielt: schön klar, pointiert, reflektiert. Der aus Ungarn stammende Pianist András Schiff ist ja bekannt dafür, ein Interviewpartner zu sein, wie man ihn sich nur wünschen kann. Geschliffen formulierend, dennoch nichts verklausulierend, ein Klartext-Sprecher, der Ross und Reiter nennt. Schiff-Interviews bereiten dem Journalisten in der Regel wenig Arbeit und viel Vergnügen. Darum war es eine gute Idee des Kasseler Bärenreiter-Verlags, das Buch „Musik kommt aus der Stille“ zumindest zur einen Hälfte auf der Interview-Form basieren zu lassen. Martin Meyer, ehemals Feuilletonchef der „Neuen Zürcher Zeitung“ und heute freier Publizist, hat etliche Gespräche mit Schiff aufgezeichnet und sich darin den Werdegang des ebenso streitbaren wie klugen Pianisten erzählen lassen. Meyer ist in der Kunst der Pianistenbefragung bereits erprobt, 2001 erschien ein Band im Dialog mit Alfred Brendel.

Auf diesem Weg nun kommt ans Licht: András Schiff hasste im Kindergarten Spinat! Und er mochte seine Nachbarin Tante Ilma, bei der er Deutsch lernte, was er auch wirklich vorzüglich beherrscht. Beatles, nicht Stones, doch das nur am Rande. Schiff erzählt ausgesprochen unterhaltsam über das Leben im Ungarn der 60er bis 80er Jahre, über seine ersten Konzerte in der ungarischen Provinz, auf einem Flügel mit demoliertem Bein, das durch Backsteine ersetzt worden war. Über Gurus, die über Wohl und Wehe eines jeden Musikers entscheiden konnten, über Parteipolitiker, die Karrieren lenkten. So hatte 1974 das Kultusministerium entschieden, dass der 21-Jährige Ungarn beim renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau vertreten solle. „Ich antwortete, dass ich nicht wolle und Wettbewerbe schon gar nicht möge. Moskau, russische Musik – ich fühlte mich da nicht zuhause. Aber Befehl ist Befehl. Genosse Schiff fährt nach Moskau!“

Warum Schiff Wettbewerbe nicht mag, ist klar. Noch als Grundschüler hatte er an einer Art „Ungarn sucht den Superstar“ teilgenommen, einer TV-Talentsichtung namens „Wer kann was leisten?“. Er gewann – es war der einzige Wettbewerb, aus dem er jemals als Sieger hervorgegangen ist. So wurde er über Nacht berühmt, allerdings: Mehr bekannt als gut, so seine Selbsteinschätzung. Und bald auch die seines Lehrers Ferenc Rados: Ihr Sohn sei „ein großes Nichts“, habe der Schiffs Mutter unter die Nase gerieben, eine „Nullkommanull“. Ein ganz Strenger war dieser Meister, Schiff spricht von ihm dennoch in den höchsten Tönen. „Ich habe es verstanden“ sei das höchste Lob gewesen, das man aus Rados’ Mund überhaupt erhalten konnte. Deutlich darunter: „Jetzt habe ich es verstanden, aber gefallen hat es mir nicht.“

Schiff nennt auch seine Widersacher beim Namen. Joachim Kaiser, der es seinerzeit unsinnig fand, das Continuo in Mozart-Klavierkonzerten mitzuspielen, Schiff praktizierte das als einer der ersten; Jörg Haider, wegen dem er Österreich den Rücken kehrte und nach Italien umzog; natürlich auch Viktor Orban, der die aktuelle Lage in Ungarn zu verantworten habe. Doch damit sind wir bereits beim zweiten Teil des Bandes: Der enthält, im Umfang etwa identisch, Essays aus Schiffs Feder. Die sind zum Teil schon etliche Jahre alt, oft, aber nicht ausnahmslos brillant ausgeführt, Schiff-Freunde werden den einen oder anderen schon kennen. Etwa seine erhellenden Ausführungen zu Beethovens Diabelli-Variationen, wie sie bereits als Booklet-Text seiner CD-Einspielung veröffentlicht wurden, oder seine Abrechnung mit dem Regietheater, die Ende 2014 für einiges Aufsehen gesorgt hatte, als sie in der NZZ erschienen war. Auch die „Bekenntnisse eines Konvertiten“ dürften besonders den FR-Lesern vertraut vorkommen: Ähnlich wie in einem FR-Interview des Jahres 2015 machte er seine Haltung zu historischen Tasteninstrumenten deutlich. Sein Schubert-Klangideal sei demnach das eines Wiener Hammerflügels, und das versuche er umzusetzen, egal ob ein moderner Bösendorfer, Bechstein oder Steinway vor ihm stehe.

Immer lesenswert, auch wenn schon 1999 niedergeschrieben: Schiffs Aufsatz „Bach auf dem modernen Klavier“, eine Disziplin, in der dieser Pianist bis heute besondere Maßstäbe setzt. „Das ganze Oeuvre Bachs“, schreibt er, „kann auf durchaus vorteilhafte Weise ohne eine einzige Pedalberührung gespielt werden. Wie ‚moderne‘ Streicher das Vibrato leider so ziemlich überall und unbedacht anwenden, so kleben die Füße vieler Pianisten unentwegt am ‚Gaspedal‘“. András Schiff ist eben ein Mann der Transparenz, klar und pointiert, in Wort und Ton.

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