Romanfabrik

Chris Potter und der Geist von Jimi Hendrix

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Chris Potter mit seinem Trio in der Romanfabrik.

Plötzlich ist da eine tief und störend kreischende Rückkopplung. Chris Potter, Saxophon, schaut amüsiert und etwas pikiert drein, James Francies, Keyboards, und Eric Harland, Schlagzeug, lachen und legen eine zögernde Spielpause ein. Dann ist der elektronische Spuk vorbei. Das sei, sagt Chris Potter später, der Geist von Jimi Hendrix gewesen. Einige Gäste in der Romanfabrik schauen kurz nach oben. Aber da ist niemand.

Chris Potters neues Album, das Anlass für seine aktuelle Tour ist, trägt den Titel „Circuits“, Kreisläufe. Das legt auch die Idee nahe, dass vieles, was schon einmal da war, wiederkehrt. Aber es gibt im Jazz keine Wiederholungen, eher schon die eine oder andere Überraschung.

Gäbe es noch die Jazzkritik alter Schule, dann würde sie nach Chris Potters Konzert vielleicht mäkeln, dass hier kaum Neues geschehe. Dass Wunderkind Francies doch nur Keyboard spiele und auf dem Klavier eher herumklimpere, ohne an spezifischer Anschlagskultur interessiert zu sein, dass Eric Harland auch nur ein gnadenloser, klanglich oft stark verdichtender groover und time keeper sei. Dass man vieles von dem, was Chris Potter spielt, auch anderweitig schon gehört habe, etwa bei Wayne Shorter oder Dexter Gordon.

Es muss aber nicht immer alles neu sein, um gut zu sein.

Ein Duo-Schaukampf

Es ist durchaus bewundernswert und streckenweise mitreißend, wie das Trio unbeirrt seinen Weg geht, manchmal auch rennt und sich zuweilen überschlägt und gegenseitig überholt, dann aber auch einfach mal eine Zeit lang nebeneinander her joggt, Soli bescheiden und anregend begleitet und sich dann doch einen Duo-Schaukampf liefert.

Chris Potters Trio steht mit allen sechs Beinen in der Jazz-Tradition – etwa der des guten alten Hardbop. Potter selbst verfügt über langen Atem und eine enorme Fingerfertigkeit, phrasiert mit einem intensiven rhythmischen approach, mit bewegter Skalen- und Linienarbeit und vielfältigen Klangfarbenwechseln. Man versteht, warum er schon als „der meist studierte und kopierte Saxophonist des Planeten“ bezeichnet wurde. Wozu die alte Schule anmerken würde, dass er sich diesen Rang zumindest mit Coltrane teilt.

Der Einsatz von Live-Elektronik ist vergleichsweise bescheiden, gerade vor dem Hintergrund der Schaltkreise-Cover-Art des aktuellen Albums. Potter selbst gönnt seinem Saxophon mal ein Delay, ein bisschen Echo und später einen Harmonizer. Aber sein Saxophon bleibt, egal ob Tenor oder Sopran, unverkennbar sein Saxophon, gespielt mit persönlicher Klanggebung und unprätentiöser Virtuosität.

Die meiste Elektronik konzentriert sich bei Francies an den Keyboards: mit Links spielt er einen blubbernden Bass, der manchmal ein wenig nach Siebziger-Jahre-Fusion klingt; die Rechte ist für die melodischen Girlanden zuständig, für die er manchmal auch den Flügel benutzt. Es ist vor allem das Zusammenspiel, das traditionsfundierte gemeinsame Losgehen der drei, die sich unterstützen und aus der Reserve locken, das die Attraktivität dieses Konzerts ausmacht.

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