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„Gelb ist das Feld“ von Bilderbuch: Wie Reflektionen in einem Wasserhahn

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Konzert von Bilderbuch in Offenbach.
Konzert von Bilderbuch in Offenbach. © imago images / 3S PHOTOGRAPHY

Bilderbuchs brillantes Album „Gelb ist das Feld“. Von Jens Buchholz

Heute gilt das 1966 erschienene Beatles-Album „Revolver“ als epochal. Aber als es 1966 erschien, stieß es auf ein geteiltes Echo. Auch Ray Davies, der Sänger der Kinks, durfte damals für eine große britische Tageszeitung eine Rezension verfassen. „Revolver“, schrieb er, sei ein Haufen Müll („A load of rubbish“). Was war passiert? Die kurze Version ist: Die Beatles hatten es gewagt, sich zu verändern. Oft löst das unter Fans und Hörern einen konservativen Reflex aus, der sich mit der Eduschokaffee-Werbung aus den 90er Jahren so formulieren lässt: Alles soll so bleiben, wie es ist.

Für den Deutschlandfunk gab Sarah Mahlberg den Ray Davies und rezensierte das neue Album der österreichischen Band Bilderbuch so: „Oft klingt die Band auf dem neuen Album nicht mehr wie sie selbst, verträumten Indiepop gibt’s halt schon zur Genüge.“ Da ist sie wieder, die Sünde aller Sünden. Die Band hat gewagt, sich zu verändern!

Nach der Monstertorte

Das Album:

Bilderbuch: Gelb ist das Feld. Maschin Records.

Dabei haben Bilderbuch schon einige Metamorphosen durchlaufen. Am Anfang ihrer Karriere spielte die Band relativ konventionelle Rockmusik. Schön, aber ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die ersten beiden Alben „Nelken und Schillinge“ und „Die Pest in Piemont“ hatten zwar schöne Titel, gingen aber im Gesamtpoprauschen unter. Nach vier Jahren Albumpause tauchte die Band 2015 wieder auf. Und der Name des Albums war Programm: „Schick Schock“. Ein Album wie eine Monstertorte. Zuviel von allem.

Die Single „Maschin“ setzte den Maßstab. Präzise amerikanische Funk-Rock-Sounds und die unverwechselbar manierierte Stimme des Sängers Maurice Ernst ergaben einen Sound, den man so vorher noch nie gehört hatte. So wie Falco hätte klingen können, wenn er mehr Mut gehabt hätte. Aber vom Befremdungsgefühl her sind Bilderbuch eigentlich nur vergleichbar mit Deichkind. Ständig fragt man sich, ist das ernst gemeint, oder ist es eine Parodie? Oder beides? „Schick Schock“ hielt sich in Österreich 66 Wochen in den Charts. Und auch in Deutschland und der Schweiz erzielte die Band Achtungserfolge. Die in schneller Folge produzierten Nachfolgealben konnten mithalten. Vor allem natürlich der Hit „Bungalow“.

Seit 2019 hatte es dann keine Veröffentlichung mehr gegeben. Jetzt ist das neue Album da. „Gelb ist das Feld“ heißt es. Und es ist anders als alles, was Bilderbuch bisher gemacht haben. Schon die erste glasklar perlende Single „Nahuel Huapi“ löste bei der Stammhörerschaft Befremden aus. Akustische Gitarren, verhallter Sound, melodisch verträumt und melancholisch. Kein Funk! Kein Rock! Und so klingt das ganze Album. Bilderbuch bekennen sich zu einer Art nüchternem Psychedelic. Das Eröffnungsstück „Bergauf“ erinnert an Michael Rothers „Flammende Herzen“.

Und schöne Grüße der geschmähten Beatles winken einem auch aus Musik und Text entgegen. Im Song „Rent“ hat das lyrische Ich keine Fahrkarte, sondern ein „Ticket to ride“. Während die melodische Gitarrenphrase in „Daydrinking“ nach John Lennons „Mindgames“ klingt. Die DLF-Rezensentin Sarah Mahlberg hat absolut recht, das Album klingt verträumt. Musik wie ein gelbes Kornfeld, durch das ein sanfter Wind streicht. „Gelb ist das Feld / Where I’m gonna lay you down“, heißt es im Titelsong des Albums, und das ist auch eine Botschaft an die Hörer. Bilderbuch haben sich verändert. „Diese Welt ist in a change“, heißt es im Text von „I’m not gonna lie“.

Und man merkt es. Die Mischung aus englischen Phrasen und deutschen Versen ist immer noch da. Kunstvoller denn je. „Alles verschwimmt so / Wie Reflections in einem Wasserhahn.“ So fühlen sich die Texte an. Wie Spiegelungen in einem verchromten Wasserhahn, wie auf M.C. Eschers Bild „Hand mit Kugel“. Eine durch Pop gebogene Spiegelung der Welt. Bilderbuch sind auf unerwartete, aber brillante Art zurückgekehrt.

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