Ensemble Modern

Die geistliche Essenz

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Das Ensemble Modern mit drei Werken Mark Andrés in Frankfurts Alter Oper.

Noch sind es 37 Tage bis Pfingsten, aber das Ensemble Modern ließ in der Alten Oper schon einmal den Heiligen Geist wehen. Und das in Gestalt von drei Werken Mark Andrés, die, als Triptychon zusammengefasst, das 50-minütige Programm des jüngsten Abonnementkonzerts darstellten.

Dirigent war ein guter alter Bekannter, Ingo Metzmacher, der einst als Mitglied des Ensembles begann und von dort eine Karriere startete, die ihn weit weg und in höchste Höhen des neu- und alttönerischen Betriebs führte.

Jetzt hatte er die delikate Aufgabe, Andrés Bemühungen um geistliche Essenz in seiner Musik ohrenfällig zu machen. „Riss 1“, „Riss 2“ und „Riss 3“ (zwischen 2014 und 2017 entstanden), wollen klangliche Zwischenräume, die mit metayphysischem, spirituellem Gehalt geladen sind, realisieren. Ein Versuch, das sakramentale Geschehen der Inspirierung im Abendmahlssaal der Apostel zusammen mit Maria mittels Klangprozessen erlebbar zu machen.

Und das nicht im Sinne eines musikalischen Sturmesbraus’ und auch nicht mit verklanglichten Metaphern von schwebender Taube oder Feuerzungen, sondern durch geringfügigste Klangbewegungen oft an der Grenze des Hörbaren. Eine Séance in sich streckender Einsilbigkeit, die auch entsprechend weit weg war von der apostolischen Artikulation, die mit zungenredenden Emissionen die Ausbreitung des neuen Glaubens initiierte. Glossolalien, Echolalien – das interessiert André offensichtlich, aber nicht als evokatorischer Akt, sondern als Forschung nach klangsubstantialistischer Basis.

So etwa, wenn er die Schwingungsverhältnisse in der Grabes- und Auferstehungskirche Jerusalems ausmisst. Fürwahr ein spezieller Heiliggeistforscher ist der 55-Jährige, dem alle apostolische Verve und alles künderische Charisma abgehen. So blieb das Geschehen in der Grabeskirche der Neuen Musik der Alten Oper, die da heißt Mozart-Saal, für die versammelte Jüngerschar eines neuen klingenden Testaments nicht mehr als ein gehobener Anlass, in sich zu gehen im Angesicht klanggeräuschlicher Erscheinungen.

Die waren sanfter und flüssiger als die eher knorzigen Ähnlichkeiten der deutschen Klang-Ökologen Lachenmann oder Spahlinger samt ihrer zahlreichen Adepten. Bei André fand die Fesselung in der langen Weile konsequenten klanglichen Heruntergepegeltseins statt. Dass mit „Riss“ jener bedeutsame Vorgang beim Tode Jesu, berichtet bei Markus 15,38, gemeint war, wo der „Vorhang des Tempels von oben bis unten entzwei“ riss, war Bedeutsamkeitserschleichung, die nur das konzise Spiel des Ensemble Modern verzeihlich machte.

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