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Präsentiert mit seiner Band Radiohead sein neuntes Studioalbum: Thom Yorke.
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Präsentiert mit seiner Band Radiohead sein neuntes Studioalbum: Thom Yorke.

Radiohead

Gebrochene Herzen lassen es regnen

Radiohead veröffentlichen nach fünf Jahren des Wartens ihr neuntes Album: „A Moon Shaped Pool“ ist wie eine labyrinthische Traumlandschaft, aus der man desto weniger herausfindet, je häufiger man sich den dunkel lockenden Klängen hingibt.

Von Christian Bos

Wahre Liebe wartet. Sang Thom Yorke zum ersten Mal am 5. Dezember 1995 im Brüsseler Luna-Theater. „Ich ertränke meine Glaubenssätze“, um deine Kinder zu bekommen, seufzte ein liebeskranker Yorke zur akustischen Gitarre: „Ich kleide mich wie deine Nichte, ich wasche deine geschwollenen Füße, verlass mich nur nicht.“

Radiohead-Fans schlossen das neue Lied sofort in ihre Herzen. Von Liebe, oder wenigstens von deren Abwesenheit, sprachen die Songs der Band nur noch selten. Doch „True Love Waits“ erwies sich als selbsterfüllende Prophezeiung, schaffte es nur auf ein Livealbum, doch nie in den offiziellen Kanon der Band aus Oxford. Bis zum Sonntagabend, als Radiohead nach weiteren fünf Jahren des Wartens ihr neuntes Studioalbum veröffentlichten.

Auf einer eigens eingerichteten Internetseite, nachdem ein paar Tage zuvor sämtliche Netzaktivitäten der Band, von der Homepage bis zum Instagram-Account langsam verblassten und schließlich völlig verschwanden.

Und was taucht schließlich aus den weißen Nebeln auf? „True Love Waits“, als letztes von elf Stücken. Die Akustikgitarre ist durch ein stolperndes Unterwasserklavier ersetzt worden, später kommt noch ein zweites plätschernd dazu. Yorke singt aus seiner Festung der Einsamkeit, weit im Hintergrund tickt ein aufdringlicher Wecker. Ein letztes „Verlass mich nicht“, ein lange aushallender Pianoakkord – das Warten hat sich gelohnt. „A Moon Shaped Pool“ heißt das neue Album von Radiohead und es ist ganz großes Luna-Theater geworden, mond- und schwindsüchtig. Ein schimmerndes Nachtstück, in dessen Schwärze man sich verlieren kann. War das Vorgängeralbum „The King of Limbs“ eine flatterhafte, nervös-elektronische Angelegenheit, lädt „A Moon Shaped Pool“ zum Verweilen ein. Nicht, weil der Augenblick so schön wäre. Eher weil es wie eine labyrinthische Traumlandschaft wirkt, aus der man desto weniger herausfindet, je häufiger man sich den dunkel lockenden Klängen hingibt.

Liebe ist nicht alles

Träumende, haucht Yorke in „Daydreaming“, lernen nie, bevor es zu spät ist. Auch wenn uns unsere Literaturdozenten gewarnt haben: Nach Beyoncés Beinahe-Scheidungs-Album „Lemonade“ fühlen wir uns auch hier genötigt, im Hausmüll zu wühlen und zu erwähnen, dass Yorke sich vergangenen Sommer von der Mutter seiner zwei Kinder getrennt hat, nach 23 gemeinsamen Jahren. Am Ende des hypnotischen Gespinsts von „Daydreaming“ – schroffe Streicherwände türmen sich gleich glazialen Verwerfungen auf – schrubbert Yorkes verlangsamte, rückwärtslaufende Stimme unangenehm ans Trommelfell. Radiohead-Fans sind flinke Codeknacker: „Mein halbes Leben“ lautet die versteckte Niedergeschlagenheits-Botschaft.

Gleich im nächsten Song, „Decks Dark“, schiebt sich ein riesiges Raumschiff vor die Sonne, „wir sind jetzt Dunkle-Wolken-Menschen“ singt Yorke und Jonny Greenwood schrummert dazu so schwermütig die Gitarre, als wollte er noch einmal in die 80er Jahre zurück und bei The Cure anheuern. Und doch ist dies viel mehr als das Dokument einer Depression. Niemand kann so aufregende Musik machen, wenn er am Grund des Brunnens sitzt. „Ful Stop“, ein „l“ fehlt, beginnt als vergleichsweise zufälliges Zusammentreffen eines dumpf drängenden Post-Punk-Basslaufs und esoterisch flötender Keyboardflächen – und verwandelt sich in eine muskulösere, mitreißendere Version der vorangegangenen Liebesklagen. Kurz darauf bringt Yorke die Malaise in „Identikit“ auf ihren Nenner: „broken hearts make it rain“ und wiederholt das Mantra von gebrochenen Herzen und Tränenregen so oft, dass es beinahe wirkt wie eine der bekifften Floskeln, die Malcolm Mooney auf frühen Can-Aufnahmen ausspuckt.

Liebe ist nicht alles. Immer wieder öffnet sich „A Moon Shaped Pool“ ins allgemein Gesellschaftliche, „Burn the Witch“ beklagt ihr Abgleiten in den hexenjagenden Mob, „The Numbers“ ruft Bono-mäßig die Weltbevölkerung zum Zusammenstehen gegen die Erderwärmung auf. Das Spannende ist, wie Privates und Politisches zusammenspielen, wie statt Kitsch und Pathos eine verwunschene Gegend entsteht. „Burn the Witch“ ist ein Wirbelwind, der den Hörer in einem fremden Land ausspuckt, „The Numbers“ weitet sich zur utopischen Hippie-Hymne, aber mit afrofuturistischem Glockenspiel und Alice-Coltrane-Piano. Und in „Present Tense“ laden Radiohead zum sanft schaffelnden Samba als idealem Widerstands-Tänzchen.

Nicht nur die wahre Liebe musste warten, mehr als die Hälfte der Lieder kennen Konzertgänger seit Jahren. Aber nur hier, auf „A Moon Shaped Pool“, bilden sie eine Einheit, Teile einer Landschaft, die vom selben Mond beschienen werden.

Radiohead: A Moon Shaped Pool. XL Recordings.

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