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Hauptsache bunt: Gauche aus der regen Postpunkszene Washingtons.

Musik

Gauche „A People’s History Of Gauche“: Diskurs in der Disco

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Die US-Band Gauche mit einer Mischung aus Hedonismus und Zorn.

Zuallererst präsentiert sich das als eine ausgelassene Partymusik. Das Wort Gauche heißt im Französischen links, auch natürlich im Sinne der politischen Linken, im Englischen hingegen steht es für linkisch und unbeholfen. Politisch links – ebendort ist die Band, die sich diesen im Sinne des Pop genialen Namen gegeben hat, zu verorten. Die Musik des aus Washington D.C. stammenden Quintetts (auf Fotos) oder auch Sextetts (laut Besetzungsliste auf dem Faltblatt mit den Songtexten), das gerade sein Debütalbum „A People’s History of Gauche“ veröffentlicht hat, ist fantastisch lustbetont und ausgesprochen altmodisch. Das Album könnte man für eine brillante Ausgrabung aus den späten siebziger Jahren halten, der Ära von Post-Punk und New Wave. Unwiderstehlich wirkt die Mischung aus Hedonismus und Zorn.

Die Band existiert schon seit ein paar Jahren, 2015 hatte sie eine Casetten-EP herausgebracht, etliche Songs davon sind in neuen Aufnahmen auf das Album gewandert. Es handelt sich um eine „Supergroup“ aus der regen Postpunkszene der amerikanischen Kapitale, mit Musikerinnen und Musikern von den Priests und den Downtown Boys.

Die Musik ist geprägt durch eine Affinität zum Ska und durch die drei zackig-überdreht rotzigen Frauenstimmen, allen voran jene von Daniele Yandel, der Schlagzeugerin der wunderbaren Priests. Man fühlt sich erinnert an die Slits, X-Ray Spex und die Raincoats, und zugleich an die mitreißende Unbeschwertheit der Partymucke von den B-52’s. Lauter Dreiminüter, die ganze Band ist als Autor angegeben, elf an der Zahl, und nach 36 Minuten ist alles vorbei.

Der Titel „A People’s History Of Gauche“, bezieht sich auf die Tradition einer Geschichtsschreibung „von unten“, aus der Perspektive der einfachen Leute, und nicht entlang der monumentalisierten historischen Gestalten. Der Impuls, von dem das getragen ist, ist der einer Wut ob der politischen Verheerungen der Gegenwart – die viel mit einer Hegemonie der weißen Männer zu tun haben. „Everybody tries to win/Look who gets away with sin/White men get away!“ heißt es in „Retangle“.

Diskurs in der Disco. Mittels eines schwungvollen Popappeals auch in den verknappten Texten, der einer kirchentagshaften Betulichkeit wirksam vorbeugt, tragen die Frauen in der gemischtgeschlechtlich besetzten Band die Kritik am Kolonialismus, einer verschleiernden Geschichtsschreibung und fatalen Kontinuitäten („History“), am Patriarchat und strukturellen Rassismus („Circles“) sowie mickrigen Löhnen vor. „I know I can’t live like this“ lautet eine Zeile in „Pay Day“, in dringlich x-facher Wiederholung – ein wiederkehrendes Stilmittel. Kreativität und die Herstellung von Schönheit rufen Gauche im Übrigen als Mittel im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse und historischen Traumata aus.

Markant groovende Bassläufe, harsche Gitarrenriffs, quäkige Synthieklänge, die mitunter an die Sounds von Spielekonsolen erinnern, dazu ein trötendes Tenorsaxofon: Der Sound ist drall, die Musik ihrer pophistorischen Vorbilder haben die Musikerinnen und Musiker von Gauche eingehend studiert. Schon lange nicht mehr hat ein historisch treuer Retrosound derart viel Spaß gemacht. ,,Musik und Bewegung und Kampf und Licht“ beanspruchen Gauche laut einem Aufkleber auf der Hülle des Albums zu bringen. „And now it’s your job to dance!“

Gauche: A People’s History Of Gauche. Merge/Cargo.

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