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Ganz neue Musik: Angesichts des ersten Kaffees am Morgen

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Von: Bernhard Uske

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Das Ensemble Modern, das in verschiedenen Formationen die Reihe „Happy New Ears“ bestreitet.
Das Ensemble Modern, das in verschiedenen Formationen die Reihe „Happy New Ears“ bestreitet. © Vincent Stefan

Die 90er-Jahrgänge kommen: Ganz neue Musik bei den „Happy New Ears“ im Frankfurter Opernhaus.

Fünf der besten Ergebnisse des Kompositionsseminars von Wolfgang Rihm und Dieter Ammann im Rahmen des Luzern Festivals kamen bei Happy New Ears in der Oper Frankfurt zu Gehör. Das Ensemble Modern wurde von Marc Hajjar aus Frankreich geleitet. Moderatoren waren Christian Fausch und Mark Sattler. Alle Komponisten und Komponistinnen sind in den 90er Jahren geboren.

Minzuo Lu zeigte sich mit „VUCA“ ebenso wie ihre Landsfrau Zhenyan Li mit „Hashigakari“ in Bezug auf Formgestaltung profiliert und mit Momenten traditioneller Klanggebung. Im Falle Lus waren das glockenartige Ostinati in unterschiedlicher Stärke und Kontur, in die sich a-periodisch Motivkürzel einnisteten und einen dicht werdenden Klangraum erzeugten.

Fast wie eine Erzählung

Li, mit 24 Jahren die Jüngste im Bunde, war die am stärksten auf feine Timbrierung achtende Künstlerin, die dem Flötisten Dietmar Wiesner schöne und exponierte Gelegenheiten zu solistischem Vortrag bot. Lineaturen einer malerischen Klangszene, die nach einem anderen Takt als dem uns geläufigen einer festen und zielenden Haltung geht. Bei aller distinguierten Faktur doch in deutlich klangfarblichen Kontrasten gesetzt. Ein Moment ungreifbarer szenischer, fast narrativer Art lag über dem Ganzen.

Raimondo Ziukaite aus Litauen steht mit „W-W-W“ (ausgesprochen Wow-wow-wow) in der Tradition der Körperklangkunst der 1970er Jahre. Organische musique concrète und analog den Körpergeräusch-Emissionen eines Dieter Schnebel etwa. Hier wurde mit Lunge, Stimmband, Nase und Rachen solistisches oder chorisches Jaulen, Grunzen, Schreien oder Schnaufen in Korrespondenz mit den Musikinstrumenten praktiziert. Ausscheidungen einer unterhaltsamen Körperklangmimikry, die auch als animalische Klangkunst („wau-wau-wau“) denkbar wäre. Aregnaz Martirosyan („501-2“) trägt die Kirchenklänge der armenischen Heimat in ihr multiphones Melisma ein; in jene mikrosätzigen Konfrontationen von Klangzuständen und Atmosphären. Oft im schnellen Wechsel zu anderen Aggregatzuständen.

Hugo van Rechem hat schließlich mit „5:54 - (morning coffee, empty stomach & spiritual elevation)“ versucht, eine Erscheinung, die der Autor Philip K. Dick beschrieben hat, aus dem Bereich der Literatur ins Akustische zu übermitteln. Harte Schlagzeug-Interventionen (blendend dabei Romane Bouffioux und David Haller) in einer Mixtur samt wilder Klangpolyzentrik: der spirituelle Schlaganfall als transzendentes Ereignis – vom Dirigenten souverän bewältigt.

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