Der Rapper Spongebozz vortiert für die Kunstfreiheit.
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Der Rapper Spongebozz vortiert für die Kunstfreiheit.

Kollegah und Farid Bang

Gangstarap - Avantgarde der Verachtung

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Der Gangsta-Rap ist geschmacklos – und Trendsetter einer neuen politischen Rhetorik.

Was ist das? Farid Bang und Kollegah? Experten sagen, das seien Rapper. Gangsta-Rapper sogar. Experten sagen, Gangsta-Rapper singen schlimme Sachen, aber sie meinen es nicht so. Im sogenannten Battle-Rap, sagen Experten, komme es darauf an, andere zu beleidigen, es handele sich dabei um eine Art sportliches Duell. Rap und Gegen-Rap ergeben, wenn es gut läuft, einen Überbietungswettkampf aus Beschimpfungen mit lyrischen Schlaufen, eine Leistungsschau aus Reizworten, Provokationen und Tabubrüchen, eine pralle Parade aggressiver Coolness.

Rapper benutzen das Medium Sprache so, dass es die anderen gegen sie aufbringen soll. Das kann jemand, sagen die Experten, der nicht zu den Eingeweihten gehört, kaum verstehen, und alle angestrengten Versuche, das Ergebnis zu deuten, laufen schnell ins Leere. Der Battle-Rap versteht sich als situative Kunstform, die sich den herkömmlichen Methoden einer Gedicht- oder Songinterpretation entzieht.

Geschmacklos sei das schon, was Farid Bang und Kollegah da tun, sagt der jüdische Rapper Spongebozz, aber es sei nicht antisemitisch, wie es den beiden Künstlern, die an diesem Donnerstag in Berlin womöglich mit einem Echo-Musikpreis ausgezeichnet werden, von Kritikern vorgeworfen wird. Spongebozz votiert für die Kunstfreiheit, und der eigens mit dem Fall befasste Ethik-Beirat des Echo-Musikpreises gab etwas gequält Entwarnung. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass das Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ die Grenze der Kunstfreiheit „nicht so wesentlich übertrete“, als dass ein Ausschluss von der Echo-Gala gerechtfertigt sei.

Aber was soll das sein, wenn die Körperästhetik des Bodybuildings in dem Stück „0815“ von Farid Bang und Kollegah in einen direkten Zusammenhang mit den ausgemergelten Leibern von KZ-Häftlingen gebracht wird? „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“, lautet die Textzeile, die nun überall als belastendes Beispiel zitiert worden ist, um die menschenverachtende Haltung des Duos zu dokumentieren. Und wer danach sucht, findet schnell weiteres unerträgliches Material – gereimt, geschüttelt und gescratched.

Die Musiker üben sich derweil in der Technik des öffentlichen Ausweichens. Farid Bang, 1986 mit marokkanischen Wurzeln in Spanien geboren und in Deutschland aufgewachsen, entschuldigte sich wortkarg nach Protesten einer Holocaustüberlebenden, und Kollegah, Sohn eines Kanadiers und einer Deutschen, der als Jugendlicher zum Islam konvertierte, versprach, seinen „jüdischstämmigen Hörern“ lebenslang freien Eintritt zu seinen Konzerten zu gewähren.

Die Provo-Dichter fühlten sich zu derlei Zynismen offensichtlich eingeladen, und es muss tatsächlich die Frage aufgeworfen werden, warum erst jetzt so engagiert über den Verachtungsjargon von Gangsta-Rappern aus deutschen Vorstädten gesprochen wird. Immerhin ist das Album „JGB3“ schon fast ein halbes Jahr auf dem Markt und mit gut 200 000 verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Alben der deutschen Hip-Hop-Geschichte, ohne dass bislang jemand daran Anstoß genommen hätte.

Die narzisstische Zurschaustellung abgeklärter Verantwortungslosigkeit ist allerdings kein Privileg eines hemmungslos kalkulierenden Segments der Musikindustrie. Vielmehr hat es den Anschein, als sei der einheimische Rap nur die Avantgarde einer neuen Rhetorik der Selbstbehauptung, die sich als Hass-Kommunikation in den sozialen Medien breitgemacht und längst auch im Deutschen Bundestag eine Bühne gefunden hat. Wie anders soll man die Twitter-Nachrichten der AfD-Abgeordneten Beatrice von Storch verstehen, die keine Gelegenheit auslässt, sich als Domina einer rechtspopulistischen Gangsta-Kultur zu präsentieren.

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