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Saleem Ashkar am Klavier, um ihn herum das Galilee Chamber Orchestra im Kurhaus Wiesbaden. 

Rheingau Musik Festival

Das Galilee Chamber Orchestra in Wiesbaden – Ohne Ballast

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Wenn Beethoven wirklich neu klingt: Das Galilee Chamber Orchestra und der Pianist Saleem Ashkar beim Rheingau Musik Festival.

Mit dem Thema „Courage“ hat das Rheingau Musik Festival, das nach weitgehend marktwirtschaftlichen Mechanismen funktioniert und sich daher selten programmatisch weit aus dem Fenster lehnt, einen echten Maßstab gesetzt. Dass unter den Interpretinnen und Interpreten, die aufgrund ihres sozialen und gesellschaftspolitischen Engagements und ihrer Haltung eingeladen wurden, herausragende Künstler sind, wurde schon beim ersten Durchblättern des Programms klar – ein Pianist wie der in Nazareth als christlicher Palästinenser geborene und seit 20 Jahren in Berlin lebende Saleem Ashkar ist ja schon länger als Hochkaräter vor allem für Beethoven aufgefallen.

In Berlin hat Ashkar die „Al-Farabi Musikakademie“ ins Leben gerufen, sie widmet sich der musikalischen Arbeit mit Flüchtlingskindern. Mit seinem zweiten Projekt war der auch als Dirigent aktive Pianist jetzt Gast beim Rheingau-Festival: Zum ersten Mal trat das von ihm, seinem Bruder und seinem Vater gegründete Galilee Chamber Orchestra in Deutschland auf, namentlich beim Festival Young Euro Classic in Berlin und im Kurhaus Wiesbaden.

In Nazareth in Galiläa im Norden Israels, einer christlich und palästinensisch geprägten Stadt mit rund 75 000 Einwohnern, haben die Ashkars vor knapp zehn Jahren ein Kammerorchester gegründet, in dem israelische Juden und israelische Palästinenser Seite an Seite musizieren sollten. Anfangs fanden sich nur drei arabische Musiker, mittlerweile ist die Hälfte der Pulte mit Palästinensern besetzt. Oft wird das Projekt als die kleine Schwester von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra bezeichnet, doch hat dieses seinen Sitz in Andalusien und ist auch personell stark spanisch geprägt. In Nazareth dagegen wirkt man vor Ort, sozusagen am Brennpunkt.

Bloß ein Sozial-Projekt, eine ehrenwerte Initiative? Der erste Auftritt des Galilee Chamber Orchestra, das zum ersten Mal eine Beethoven-Sinfonie spielte – die erste, dazu das zweite Klavierkonzert, eine Haydn-Ouvertüre und das für diese Tournee entstandene Auftragswerk „Overcoming“ des ebenfalls aus Nazareth stammenden Komponisten Wisam Gibran – verlief verblüffend anders als erwartet. Da wurde ein Beethoven-Ton geboten, der absolut auf der Höhe der Zeit war: Straff, rasant, akzentuiert, modern.

Ja die Orchesterakzente, die Saleem Ashkar engagiert vom Klavier aus leitend einforderte, waren sogar pointierter als die, die er selbst an den Tasten setzte. Seinen Solopart spielte der 43-Jährige prägnant, aber nicht übertrieben forsch – das Orchester aber, das dem schnellen Tempo mühelos folgte, wartete mit hoch vitalem Einsatz auf.

Die Musiker, die zum ersten Mal Beethoven spielen; das Orchester, das keinen philharmonischen Traditionsballast überwinden muss; nichts, was auch nur ansatzweise nach Routine klingt: Das Galilee Chamber Orchestra mit seinen so beweglichen Streichern im Menuett-Satz der Sinfonie und mit den so herrlich präsenten Fagotten im Klavierkonzert legte eine Visitenkarte vor, auf der nicht nur „Courage“ steht, sondern auch „Können“.

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