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Nur die enorm variable Stimme: Gabriele Hasler.

Vokalmusik

Das Lied vom Raum

  • vonHans-Jürgen Linke
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Gabriele Haslers erstaunliches Album „Herden und andere Büschel“.

Die Abstände müssen gleich bleiben, sonst wird der Raum gestört. Denn Raum oder zumindest das Empfinden des Raumes kann gestört werden, auch wenn seine Funktionen – als Bewegungsraum, Lebensraum, Verkaufsraum – nicht weiter beeinträchtigt sind. Raum-Störungen finden oft eher in übersinnlichen Regionen statt.

Der reale Ort der Störung ist ein Bekleidungsgeschäft im Hamburger Stadtteil Pöseldorf, wo ein Kleiderverkäufer eine empfindliche Symmetrie der Abstände zwischen Kleiderbügeln, die an einer Stange hängen, zu wahren sucht – zwanghaft und vergeblich. „pös eld orf“ nennt die Poetin, Komponistin und Vokalistin Gabriele Hasler das längste Stück ihres neuen Albums. Es befasst sich buchstabengenau mit diesem empfindlichen und alarmierten Raumempfinden, ist voller Empathie und will einigen der Geheimnisse hinter den zwanghaften Symmetrien einen klaren Klang geben.

Andere Stücke sind zum Beispiel dekonstruktivistisch. Etwa wenn „Termiten“ nach und nach aus einem enzyklopädischen Text über Aktiengesellschaften konkrete Poesie machen, indem Buchstaben ge- oder vertilgt werden. Oder wenn („erbsen und einige metalle“) der Google Translator aus einem kurzen norwegischen Text von Knut Hamsun eine enigmatische Sentenz drechselt.

Manchmal erfordern die sozialen Eigenschaften des Raumes und der Abstände, die es darin einzuhalten gilt, einen speziellen Jargon. Hier hat die in langen Zeiträumen gewachsene Sprache des edlen Waidwerks einen beträchtlichen Vorsprung vor unserer Alltagssprache. Sie hält für verschiedene Gesellungsformen verschiedener Tiere eigene Namen bereit – wie Kette (für Rebhühner), Sprung (für Rehe), Geheck (für Füchse) Schwarm (für Fische oder Vögel) oder Herde (für Schafe oder Elefanten).

Singen liegt hinter ihr

Aus all dem macht Gabriele Hasler Musik – eine eigene, eigensinnige Art von Musik. Ihre Kompositionen sind prosodisch. Sie hat konventionelles Singen von Liedern oder Songs schon lange weit hinter sich gelassen. Über Jahre und Projekte hinweg hat sie sich mit der Lyrik Oskar Pastiors befasst und in unterschiedlichen Besetzungen Live-Konzerte mit ihm gestaltet, sie hat Hörstücke errichtet und ist zahllose Kooperationen mit improvisierenden, komponierenden und spielenden Musikern sowie interdisziplinäre Kooperationen eingegangen.

Jetzt ist die Vokalistin allein im Raum. Es gibt keinerlei begleitendes instrumentales Beiwerk, nur die enorm variable Stimme, verbunden mit gut gezielten und sparsam gestalteten elektronischen Kleinigkeiten und Effekten. Die Sprache selbst ist das Material der Kompositionen, und diese Strenge im Grundlegenden hat einen großen Reichtum im Ausdruck zur Folge. Aus Phonemen und Morphemen ergeben sich melodische, rhythmische, dynamische Qualitäten, Sprech- und Sangesweisen, aus Artikulationsweisen der Stimme und aus vertikalen und horizontalen Schichtungen in der Klangorganisation entstehen Räume.

Denn immer geht es hier um den Raum, um Organisationsformen darin, um Abstände, Richtungen und das Leben, um raumgebende Textklänge, eigentümliche Wortgebilde, semantische Auffahrunfälle. Eine leise Intimität steckt in all dieser erstaunlichen vokalen Musik, eine fein gesponnene Präzision und eine konzentriert und gegen widrige Umstände gestaltete Schönheit.

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