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Barbra Streisand am 16.01.1964 in New York (USA) bei den Proben zum Hollywood-Film "Funny Girl".

Barbra Streisand

Funny Girl ist erwachsen geworden

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Barbra Streisand hat Geburtstag: Die große Sängerin und Schauspielerin wird 75. Geliebt wird sie mittlerweile von allen.

Zu den vielen Schaufenstern in ihre lange Karriere gehört ein Auftritt in der Judy-Garland-Show von 1963. Barbra Streisand kam als Gast, und in einer einstudierten Begrüßung versicherten die beiden einander kokett ihre wechselseitige Abneigung. „Ich hasse Dich wirklich, weil Du so großartig bist.“ Das anschließende Duett kann heute als ein frühes Battle besichtigt werden, lange bevor Rapper diese Vortragsform für sich reklamierten. Die Garland singt „Get happy“, die Streisand „Happy days are here again“. Beide Songs aber verschmelzen zu einem, und Streisand scheint mit jedem weiteren Ton dieses Harmoniedramas die Oberhand zu gewinnen. Judy Garland wirkt daneben wie ein verglühender Stern, ein wenig verunsichert, geradezu anlehnungsbedürftig.

Barbra Streisands auffällige Präsenz in dieser Szene war zweifellos auf ihre Erfahrungen am Broadway zurückzuführen, wo sie 1961, noch keine 20 Jahre alt, ihr erstes Engagement in dem Musical „I Can Get It For You Wholesale“ erhielt. Mehr noch dürfte ihr kraftvoller und zugleich feinfühliger Gesangsstil familiäre Wurzeln haben. Einer ihrer Großväter war Kantor einer jüdischen Gemeinde, daheim wurde viel gesungen, und im Schulchor, in dem auch Neil Diamond entdeckt wurde, fielen Barbras Talente frühzeitig auf.

Ihr künstlerischer Durchbruch, wenn man angesichts der vielen Begabungen überhaupt von einem singulären Durchbruch sprechen kann, gelang ihr mit dem Musical „Funny Girl“, in dem sie 1964 die Titelrolle der Fanny Brice spielt, die im jüdischen Viertel der New Yorker Lower East Side aufwächst, beseelt von dem Gedanken, ein großer Vaudeville-Star zu werden. Das war natürlich auch die Geschichte der Barbra Streisand. Die kindliche Erfahrung, dass man nicht nur mit ihr lacht, sondern über sie, fand nur bedingt Rückhalt bei der Mutter. Für diese hatte ihr Kind nämlich ein Problem, und zwar mitten im Gesicht.

Singen, spielen, ganz sie selbst sein – wann immer man, Youtube macht’s möglich, Konzert- und Interviewausschnitte sieht, verblüfft die Selbstsicherheit der Streisand. Wenn sie singt, befinden sich ihre Gesichtszüge ständig in Bewegung, und das nicht nur der für die Bandbreite ihres Gesangs notwendigen Atemtechnik wegen. Ihre Nase arbeitete buchstäblich mit, als ginge es darum, das markante Gesichtsteil immer wieder neu in Position zu bringen. Barbra Streisand war das „working girl“ des weißen Establishments, eine glamouröse Erscheinung, aber doch auch ein Gegenentwurf zur ästhetisierten Konfektionsware ihrer Zeit. Die amerikanische Feministin Camille Paglia bescheinigt Barbra Streisand denn auch einen großen Anteil an der Durchsetzung eines neuen Frauenbildes. Streisands Weigerung, sich die Nase richten zu lassen, mag durch die Sorge begründet gewesen sein, dass ihre Stimme in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Mehr und mehr aber wurde sie als demonstrativer Akt der Selbstakzeptanz gedeutet, den ihr weibliches Publikum intuitiv aufnahm. Die einzige künstliche Veränderung, die Streisand zuließ, war der Verzicht auf einen Buchstaben ihres Vornamens.

Als „Funny Girl“ von William Wyler 1968 verfilmt wurde, war das im Kino zwar ungemein erfolgreich. Zugleich aber muss Barbra Streisand gespürt haben, dass die politische Revolte des anderen Amerika dabei war, über sie hinwegzugehen. Musikalisch war sie weitgehend festgelegt auf die Klassiker des Great American Songbooks, denen man damals noch nicht mit der Ehrfurcht begegnete, als handele es sich um Einzelstücke eines bedrohten Weltkulturerbes.

In der Zeit, als der Pop zur Kunst wurde, stand Barbra Streisand etwas verloren auf den großen Gala-Bühnen. Aber der permanente Wechsel zwischen Film, Musical und Konzert ließ den Gedanken an eine Schaffenskrise kaum zu. Und mit „Stoney End“ produzierte sie 1971 eine Platte, die mit Liedern von Joni Mitchell, Carole King und anderen den Anschluss ins Popzeitalter suchte. In ikonografischer Hinsicht gelang ihr das mit dem Film „A star is born“, wo sie neben Kris Kristofferson eine junge Sängerin verkörpert, die ihre Liebe und Karriere in Einklang zu bringen versucht. Die Bilder der beiden waren unbedingt postertauglich, eine der wichtigsten Währungen jener Jahre.

Ähnlich auffällig waren später die Bilder von der Zusammenarbeit mit Barry Gibb von den Bee Gees, aus der der Welthit „A woman in love“ hervorging. Das sollte wohl den Anschluss an die Disco-Ära markieren, aber inzwischen galt Streisand längst als universeller Pop. Dabei war sie es vor allen anderen, die mit Songklassikern wie „Somewhere“ die Spaltung zwischen progressiver und traditioneller Kultur wieder ein wenig einebnete. Und im Duett „Cryin‘ time“ mit Ray Charles ließ sie anklingen, dass Soul wenig mit Hautfarbe zu tun hat, aber sehr viel mit Sound und stimmlicher Phrasierung.

Das Schielen auf den Zeitgeist hatte sie nicht mehr nötig. Mit dem Film „Yentl“, der auf einer Geschichte von Isaac B. Singer basiert und die von einem Mädchen erzählt, das, als Junge verkleidet, Talmudschülerin werden will, etablierte sie sich als Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin. Als eleganter Alleskönnerin fielen ihr nun Anerkennung und Preise zu, zwei Oscars inklusive.

Being Barbra Streisand war Kult – und auch eine Frage des Timings. Zu Konzerten nach Europa kam sie erstmals 2007, darunter ein hinreißender Auftritt in die Berliner Waldbühne, zu dem sich die örtliche Kulturwelt samt Promi-Friseur und anrainerndem Ludentum versammelte. Funny Girl ist erwachsen geworden, und sie wird, wie ein Filmkritiker bemerkte, nunmehr von allen geliebt: von Männern, die eigentlich auf andere Frauen stehen, von Männern, die auf Männer stehen und von unendlich vielen Frauen sowieso.

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