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Von Velvet Underground nach Nookie Wood: John Cale.

John Cale

Die fürchterliche Fettleibigkeit überall

Kinematografisches Klangdesign: Ex-Velvet Underground-Mitglied John Cale spricht im Interview über Gesundheit im Alter, moderne Sounds und sein neues Album „Shifty Adventures in Nookie Wood“.

Von Markus Schneider

John Cale gehört zu den eigenwilligsten Popmusikern seiner Generation. Schon sein Musikstudium schloss der 1942 in Wales geborene Bratschist mit einer aggressiven Klavieraufführung ab, im Knien und mit den Ellenbogen. In der Neue-Musik-Szene New Yorks spielte er in den nächtelangen Dronesessions von La Monte Young, bevor er 1965 mit Velvet Underground zu nachhaltiger Berühmtheit fand.

Nach dem Zerwürfnis mit Lou Reed startete er 1970 eine erfolgreiche Solokarriere, deren 15. Solo-Album „Shifty Adventures in Nookie Wood“ am Freitag (28.09.12) erscheint. Neben den eigenen Alben arbeitete er in der Filmmusik, mit Avantgardisten wie Terry Riley und Brian Eno sowie als erfolgreicher Produzent. 2009 vertrat er Wales auf der Kunst-Biennale in Venedig.

Herr Cale, Glückwunsch zum neuen Album. Es klingt wieder ausgesprochen zeitgemäß. Wie halten Sie ihre Sounds auf dem jeweils neuesten Stand?

Ach, was sind schon moderne Sounds? Doch auch nur die üblichen, die man verzerrt und manipuliert und mit denen man allerlei Unfug anstellt. Wenn man einen normalen Sound hat, jagt man ihn durch den Verzerrer – und voilà!

Mit Verzerrungen haben Sie sich seit je her beschäftigt.

Stimmt, bis zur völligen Absurdität. Ich hab oft aus reinem Trotz auf irgendwas draufgehauen, um die Stimmung eines Lieds zu verändern. Nur um klar zu machen: Das ist nicht der Song, den ihr gerade vermutet. Ich glaube, ich habe damit nicht wirklich was zerstört. Aber ich war nah dran.

Diesmal fallen zum Beispiel Stimmverfremdungen durch Autotune auf, was man von Ihnen bisher nicht kannte.

Nein, das habe ich Cher überlassen. (lacht) Autotune benutze ich tatsächlich nur für ein Stück, „Mothra“, weil die Stimme wie ein Roboter klingen sollte. Aber ich spiele viel mit der Stimme und benutze gewisse Filter. Was ich zum Beispiel wirklich mag, ist der Klang nach altem Radio. Aber es geht mir immer darum, Charaktere auszuformen und um ein kinematografisches Klangdesign. Im Titelsong hört man zum Beispiel eine vietnamesische Mädchenstimme im Hintergrund. Ich war mir gar nicht klar, warum mich dieser Sound so angesprochen hat, bis ich kürzlich „Blade Runner“ mal wieder gesehen habe. Da gibt es genau so eine Klangwelt, die beunruhigend im Untergrund vor sich hinwirkt – ein wundervolles Sounddesign.

Auf den Alben seit „Hobo Sapiens“ 2003 hat sich Ihr Ansatz von eher linearen Songs zu mehr Arbeit an den Texturen verschoben.

Absolut. Diesmal mehr als je zuvor, es gibt nur Textur. Ich fühle mich mittlerweile sehr wohl in meinem kleinen Studio in Los Angeles. Ich weiß, wie sich alles anhört, und nicht nur, wie es sich anhören soll. Früher sind meine Songs meist entweder an der Gitarre oder am Klavier entstanden: Ich habe gespielt, und der Gesang kam. Heute entwickeln sie sich eigentlich immer aus dem Groove. Ich brauche einen neuen Groove, damit mich etwas interessiert und ich mir über das grundlegende Konzept eines Songs klarwerden, ihn sozusagen formatieren kann.

Unsicherheit und Aggression waren schon immer dominante Themen bei Ihnen.

Es geht darum, sie als das zu erkennen, was sie sind – und sie dann zu Freunden zu machen, sich nicht davon verstören zu lassen. Man muss akzeptieren, dass sie da sind und bleiben. Ich habe mein musikalisches Leben ja nicht als Songwriter, sondern als Instrumentalist begonnen – aber die Stimme ist einfach das Persönlichste, was man anzubieten hat. Wie man singt, wie man phrasiert – eine Vorstellung: Du hast drei Minuten, um den Leuten zu erklären, wer du bist.

Andererseits sprechen in Ihren Songs doch oft Figuren, es geht um Themen …

Meine Figuren kämpfen mit bestimmten Themen. Wenn ich das in einem Song darstellen kann, dann bin ich sehr glücklich. Das gelingt nicht immer, manchmal geht es auch einfach ziemlich geradeaus. Aber gerade in diesem Album gibt es viele Figuren, die gefangen sind, die festsitzen, was, glaube ich, dem Ganzen eine gewisse klaustrophobische Aura verleiht.

Wie stark beeinflusst Sie Ihre klassisch-akademische Ausbildung?

Ich denke, sie wirkt vor allem darauf, wie ich Songs strukturiere. Diesmal gebe ich zum Beispiel die harmonische Struktur an die Melodie ab, die Harmoniewechsel spielen keine so große Rolle mehr, ja, es werden gerade die Fehler der Harmonisierung bedeutsam – außer einem selbst kriegt das natürlich keiner mit (lacht). Aber so entsteht ein neuer Schreib-Prozess, eine neue Landschaft, in der man arbeiten kann: ganz anders als geplant, mit glücklichen Zufällen, aber es klingt super.

Als Kind sprachen Sie nur Walisisch, Ihr Vater nur Englisch. Also texten Sie eigentlich in einer Fremdsprache, hat das nicht einen distanzierenden Effekt?

Einerseits. Man kriegt das auch als Ressentiment in Wales zu spüren. Aber als ich mich als junger Mann in Dylan Thomas’ Texte verliebt habe (der walisische Nationaldichter, der, glaube ich, gar kein Walisisch sprach), kam alles in meinem Kopf zusammen. Ich wusste jedenfalls wirklich nicht, worum es bei mir ging, bis ich die performerische Qualität seiner Gedichte hören konnte, den Rhythmus, den Bounce – das war entscheidend für meine Arbeit, also jenseits der sehr starken choralen Tradition um mich her.

Neben den Schriftstellern spielen bildende Künstler eine große Rolle in ihren Stücken. Würden Sie Ihren Ansatz mit Malerei vergleichen?

Eher mit dem Kino. Malerei würde ich darin nicht sehen. Ich muss dabei sofort an Julian Schnabel denken: Ich wollte eins seiner Bilder kaufen, aber als ich zu ihm kam, gefiel es ihm nicht richtig. „Das muss ich korrigieren“, hat er gesagt und sich dann sofort mit seinen Kästen hingesetzt und sich darauf gestürzt. Julian ist wirklich klug und begabt und clever und alles – aber das war mir völlig unbegreiflich. Ich konnte es nicht fassen. Man braucht einen ganz anderen Maßstab, eine andere Vorstellung von Tiefe. Da wurde mir wieder klar, warum ich Musiker bin – und sehr glücklich damit.

Sie scheinen ja in den letzten Jahren enorm umtriebig …

… was soll ich denn sonst tun? Es ist eben mein Leben ...

… in einem Alter, in dem die meisten Leute …

Aah! Jetzt kommen wir zum Kern. Dieses Konzept eines bestimmten Alters, damit ist doch was faul, oder? Es bereitet einen weder auf die aktuellen ökonomischen Turbulenzen vor, noch auf Probleme wie die fürchterliche Fettleibigkeit überall. Wie kann jemand, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, seinen Körper zu ruinieren, aktiv werden? Es ist wie ein Massenselbstmord.

Sie haben sich ja bis in die Achtziger auch nicht sehr streng um ihren Körper gesorgt.

Nein, stimmt, ich habe ihm schon ordentlich was zugemutet. Aber ich habe ihn eigentlich vor allem psychologisch überfordert, ich habe damals versucht, mich mit mir selbst zu messen. Wenn man dann unter dieser Schinderei wieder hervorkriecht und feststellt, dass man viel produktiver ist als vorher, dann denkt man nur: Wie dumm kann man eigentlich sein? Aber das kannst du ja niemandem vorher klarmachen.

Das Gespräch führte Markus Schneider.

John Cale: Shifty Adventures in Nookie Wood (Domino/Goodtogo); Konzert: 16. Oktober, Passionskirche Berlin.

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